Ludwigs Foto-Essay erschien 2008 auch im National Geographic Magazine (Foto: mb/.rufo)
Dienstag, 09.02.2010
Fotos von Gerd Ludwig – „Moscow never sleeps“
Hamburg. Eine Ausstellung zeigt das jüngste Projekt des Fotografen Gerd Ludwig. Mit der Kamera studierte er einen Tag lang Moskau. Das Ergebnis der Expedition durch den Großstadtdschungel: „Moscow never sleeps“.
Ludwig wurde 1947 in Hessen geboren. In seiner Kindheit erzählte ihm sein Vater immer wieder schöne anrührige Geschichten von einem fernen Land. Einem Land das so unwirklich weit sei, von endlosen Winterlandschaften. In seinen Erzählungen waren die Menschen die dort lebten niemals böse. Erst sehr viel später begriff Gerd Ludwig, dass dies keine Gutenacht-Geschichten waren, die der Vater ihm erzählte. Die endlosen Weiten waren blutgetränkt, die Menschen litten. Der Vater verarbeitete auf diese Art seine Kriegserlebnisse in Stalingrad. Und Gerd Ludwig begriff, eines Tages musste er da hin, in dieses ferne Land.
Der Scheuklappenblick war lange nicht überwunden
Als sich Gerd Ludwig 1980 das erste Mal in die Sowjetunion begab, wagte er nicht, mit seinen Bildern das Land zu kritisieren, dass durch die Generation seiner Eltern so gelitten hatte. Zu vertraut waren ihm die warmherzigen Menschen, die sein Vater ihm schilderte. Und dennoch war ihm das Land irrsinnig fremd. Erst ab Ende der 80er Jahre, als sich die UdSSR langsam öffnete, konnte er sich von seinen Schuldgefühlen befreien. Ab da trennte er zwischen dem Staat und dessen Bewohner.
Seit er als Vertragsfotograf für renommierte Magazine, unter anderem National Geographic, Geo, Spiegel oder Time in Russland fotografiert, vertiefte er immer mehr sein Gefühl für die russische Seele - dieser tiefe Spiegel der russischen Mentalität, manchmal unerklärlich in seiner Traurigkeit, meist aber auch überschwänglich fröhlich und ausgelassen.
Rasanter Wandel, Glücksritter und Pechvögel
Und immer wieder durchleuchten seine Fotografien den rapiden Wandel im postsowjetischen Russland. Seine Werke berichten von Menschen, die durch die Veränderungen im Land zu Gewinnern, modernen Goldgräbern aufgestiegen sind. Aber auch von denen, die dabei auf der Strecke blieben, die jenseits der Armutsgrenze ihr Dasein fristen müssen und doch so vieles klaglos erdulden. Er lichtet sie ab ohne sie zu denunzieren.
Ort und Zeit
FreeLens Galerie, Hamburg, Montag-Freitag 11 bis 18 Uhr. Noch bis 5. März 2010
Foto-Meister Gerd Ludwig, der heute in Los Angeles lebt, fuhr in die „Zone“ nach Tschernobyl und fotografierte in Sibirien Ölarbeiter bei minus 55 Grad. Auch das neue Erwachen der orthodoxen Kirche war bei ihm ein Arbeitstitel. Jedes Mal taucht er tief ein, in die „duscha“, eben diese russische Seele.
Von der Banja in die Bar
Seine jüngste Reportage führt den Betrachter in das moderne Moskau, die Stadt die niemals schläft. Die Ausstellung „Moscow never sleeps“ zeigt die Welt der Schönen und Reichen, aber auch die Schattenseiten der Millionenmetropole. Gerd Ludwig begleitete Motorrad-Clubs und freiwillige Samariter, die sich um die Obdachlosen Moskaus kümmern.
Er passierte die Gesichtskontrollen der angesagtesten Tanztempel und Bars und saß mit einfachen Russen in der Banja. „Amerikaner werden Russland nie verstehen können“, sagt er. „Sie sehen Dinge nur schwarz und weiß, die Russen jedoch erkennen die Grautöne dazwischen.“
Kein Problembär - russische Kultur und Kunst in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Veranstaltungstipps, Vorankündigungen und Berichte - in dieser Rubrik