Sonntag, 05.06.2011

Hundefutter für Soldaten: Eine Betrachtung

Siegesparade und Hundefutter, Glanz und Elend - beides sind Teile der Wirklichkeit. (Foto: Archiv/.rufo)
Thomas Fasbender, Moskau. "In einer Ministerialabteilung - besser ich nenne sie nicht, denn es gibt nichts Empfindlicheres als unsere Beamten, Offiziere und Kanzlisten" – so beginnt Gogols "Mantel". Heute gibt es keine Geheimnisse mehr ...
Heute gibt es keine Geheimnisse mehr, statt Gogol gibt es Youtube.

Nur die Menschen sind sich gleich geblieben. Ein Major aus Wladiwostok, Igor Matwejew, hat vier Videos ins Internet gestellt, Einblicke in das Soldatenleben in Fernost: Hundefutter in umetikettierten Dosen, koreanische Wanderarbeiter in den Schlafräumen der Rekruten, atmosphärische Anklänge an die Bagnos von Toulon und Marseille. Auf einem der Videos klagt er an.

Unhaltbar haben die deutschen Medien die Zustände genannt. Das Gegenteil ist wahr; die Zustände haben gar kein Verfallsdatum. War es je anders? Wird es je anders?

Youtube ist eine Fundgrube. Außer den Videos des Majors finden sich solche mit Viktor Danilkin, Chodorkowskis Richter im Jahr 2010. Es sind zwei Männer, die ihr Urteil sprechen, beide in bester russischer Kanzlistentradition, mit annähernd steinerner Miene, getreu dem Begriff von Seriosität und Respekt gegenüber der Würde des amtlichen Worts. Der Richter verurteilt Chodorkowski zu 14 Jahren Lagerhaft, der Major verurteilt sich selbst.

Wollen wir die Spanne zwischen ihnen ermessen, dann nur, indem wir verstehen, dass es in Wirklichkeit zwei Länder sind, denen wir gegenüberstehen, nicht das eine Russland, sondern zwei Dimensionen einer gespaltenen Existenz.

Der Expatriate aus dem Westen sieht sich umgeben von klugen und höflichen Menschen, geistreich, kultiviert, welterfahren, urban. Er arbeitet im Kreis talentierter junger Leute mit Feingefühl und Urteilskraft. Kunden, Lieferanten und Partner begegnen ihm in aller Regel als innerlich freie, autonome Individuen, politisch nicht uninteressiert, gewandt im Geschäft und mit Verantwortungsgefühl und Moralempfinden.

Was der Expatriate sieht, ist keine Fassade


Was der Expatriate sieht, ist keine Fassade. Nichts wird ihm vorgespielt; die selbständig denkenden Menschen, uns an Mutterwitz und Klugheit so oft überlegen, sind Fleisch vom Fleisch dieses Landes. Die tragenden Kräfte der Modernisierung, der wachsende unternehmerische Mittelstand, die Intelligenzija, welche langsam, schneckengleich auf die Füße kommt, all das gibt es, all das ist real.

Und in Wladiwostok geben sie den Soldaten Hundefutter.

Die dunkle Seite der gespaltenen Existenz


Die Rückseite der Medaille, die dunkle Seite der gespaltenen Existenz ist ihren Vertretern ins Gesicht geschrieben. Wer solche Augen lesen kann, kennt die diffuse Vorahnung, die innere Suche nach dem Notausgang, wenn sie uns fixieren: ohne Glanz in Fettfalten gebettet; kalt, klug und berechnend über lächelnden Lippen; lieblos und leblos in der Gegenwart akuter Not.

Jeder trägt das Gesicht, das er verdient, und die Augen dazu.

Elben und Orks


Nicht zum ersten Mal in der Geschichte ringen die beiden großen Kraftpole der russischen Gesellschaft um die Zukunft. Manche erinnert dieser Kampf an Elben und Orks.

Für die meisten Ausländer bleibt die lichtabgewandte Seite dieser Seele ein mythenumranktes Rätsel. Nur die Wenigsten, ob unter ihnen oder unter den Einheimischen, lassen sich auf die Abgründe ein, oder erhalten überhaupt Zugang zu den Schindergruben ganz oben und zu denen ganz unten.

Es sind Menschen, die dort leben, keine Elben und keine Orks. Sie lachen und trinken und feiern, vielleicht etwas zu laut, sie herrschen und entscheiden, fackeln nicht lange und sind doch grundvorsichtig. Ernst Jüngers Marmorklippen geben eine treffende Kulisse; Biedenhorn und den Oberförster finden wir in mancher Art Gestalt.

Die Schwachen fallen. Wer zur Lüge begabt ist, verleugnet seinen Verstand. Sind die niederen Instinkte erst salonfähig – wer wird sie bremsen.

Reform, Revolution - oder Umkehr und Ausstieg des Einzelnen


Die großen Literaten haben ihre russische Heimat mit den Begriffen der Religion erfasst. Sinnlose Schuld, Sühne im Überschwang, das reinigende Opfer als Ausweg. Die Rettung liegt nicht in der Reform der Gesellschaft, sondern in der radikalen Umkehr des Einzelnen. Chodorkowski lebt diese Tradition vor unseren Augen; im vergitterten Käfig thront er hoch über seinem Richter, bei aller Schuld, die den einstmals steinreichen Mann belädt.

Auch der Major aus Wladiwostok hat sein Urteil gesprochen. Er ist entlassen, das Strafverfahren gegen ihn läuft, und der Staat – Präsident, Oberbefehlshaber, Premierminister, die Adressaten seines Youtube-Videos –, sie alle schweigen.

In Wladiwostok geben sie den Soldaten kein Hundefutter mehr. Bis auf weiteres.


Die russische Übersetzung dieses Artikels ist hier >>>


Thomas Fasbender lebt seit 1992 in Moskau, ist Geschäftsführer der CHECKPOINT RUSSIA und mit regelmässigen Kommentaren auf
Russland-Aktuell präsent.