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Freitag, 23.02.2007

Mythos 23.Februar: Tag der Desertation und Deportation

Moskau. Es gibt viele Gründe zu Feiern – aber nicht eigentlich am 23.Februar, dem „Tag des Vaterlandsverteidigers“. In Wirklichkeit flohen am 23.2.1918 revolutionäre Matrosen vor den Deutschen. Am 23.2.1944 begannen Deportationen.

Früher wurde der 23. Februar „Tag der Sowjetarmee“ genannt, heute ist er offiziell „Tag der Vaterlandsverteidiger“, aber in der wirklichen Geschichte ist für diesen Tag - den Tag der Desertation und Deportation - kein Grund zum Feiern zu finden. Der 23.Februar ist in Wirklichkeit auch nicht Geburtstag oder Gründungstag der Roten Armee. Er ist ein Tag der Mythen.

Gegründet wurde die Rote Armee durch einen Beschluss des Rates der Volkskommissare bereits am 15. Januar 1918.

Dass der 23.Februar dagegen der eigentliche "Geburtstag" der Roten Armee gewesen sei, ist Ergebnis dichterischer Freiheit, die sich Stalin bei der Geschichtsinterpretation herausnahm.

Stalin sagt, am 23.Februar habe erstmals die Rote Armee gesiegt.

In dem berühmt-berüchtigten „Kurzen Lehrgang der Geschichte der KPdSU (B)“, als deren Autor Stalin persönlich gilt, heisst es, am 23.Februar 1918 sei es einer Abteilung revolutionärer Matrosen gelungen, den Vormarsch deutscher Reichswehrtruppen auf Petrograd bei Narwa zu stoppen. „Der Tag der Abwehr der Truppen des deutschen Imperialismus wurde so zum Geburtstag der jungen Roten Armee“, schrieb Stalin.


In der UdSSR wurde der erste Volkskommissar der Kriegsflotte, Pawel Dybenko, der die Matrosen angeführt hatte, als Held gefeiert. Tatsächlich entging Dybenko im Jahre 1918 nur mit Hilfe seiner Frau der standrechtlichen Erschießung, weil seine Einheit schmählich geflohen war.


Der angebliche erste Sieg der Roten Armee fand nur auf dem Papier der Stalinschen Parteigeschichte statt


Nach den gescheiterten Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk waren deutsche Divisionen, die noch nicht an die Westfront verlegt worden waren, zum Angriff übergegangen und konnten überall fast unbehindert vorstoßen.

Die Prawda schrieb am 27.Februar 1918: „Pskow wurde von schwachen deutschen Kräften eingenommen. Die Stadt hätte sich halten können, wenn sie Widerstand geleistet hätte.“

Bei Russland-Aktuell
• Glückwunsch: Tag der Armee, Tag der Deportationen (22.02.2001)
• Ein paar Gläser auf die Vaterlandsverteidiger ... (24.02.2003)
• Russland feiert Tag des Vaterlandsverteidigers (23.02.2005)
• Feiertag - Der 23. Februar unter roten Fahnen (23.02.2005)
• Geschichte Russland: Deportation von der Krim (18.05.2006)

Lenin und die Prawda beklagen die Flucht der revolutionären Einheiten vor den Deutschen

Lenin beklagte, dass die Kämpfe zwischen dem 18. und 24. Februar bewiesen hätten, dass Widerstand zwecklos ist und der Friedensvertrag unterzeichnet werden müsse. „Eine Woche der Kämpfe mit den Deutschen, vor denen unsere Truppen die Flucht ergriffen, hat dies deutlich genug unter Beweis gestellt“, schrieb Lenin damals.

Keine Ausnahme machte damals auch eine von Volkskommissar Dybenko geführte Matrosenabteilung bei Narwa, das ergeben neuere Geschichtsstudien.


Bei Russland-Aktuell
• Vremja Novostjej über Dybenkos Feigheit vor dem Feind
Dybenko wurde vor ein revolutionäres Kriegsgericht gestellt. Er wurde nur darum nicht erschossen, weil sich seine Frau für ihn einsetze – Alexandra Kollontai , die damals zur Führung der Bolschewiki gehörte.


Berija organisierte am „Tag der Sowjetarmee“ 1944 die Deportation der Tschetschenen und Inguschen


In der Nacht auf eben diesen Tag im Jahre 1944 organisierte Stalins Geheimdienstchef Lawrenti Berija die Deportation der Völker der Tschetschenen und Inguschen, die nach Meinung Stalins teilweise mit Hitlers Wehrmacht kooperiert hatten.

Wie der dagestanische Dichter Rassul Gamsatow in einem persönlichen Gespräch berichtet, hatten Tschetschenen in Erwartung des siegreichen Vorstosses der Wehrmacht nach Grosny bereits ein Weißes Pferd ausgesucht, auf dem Hitler in die Stadt einreiten sollte. Sein Vater sei selbst Zeuge dieser Vorbereitungen gewesen, sagte Gamsatow.


Nach Mittelasien deportiert wurden etwa 450.000 Menschen. Von ihnen starben 1.272 unterwegs.

Zwischen 1944 und 1953 kamen insgesamt 73.000 an den Strapazen der Zwangsarbeit auf kasachischen Plantagen und in den Bergwerken von Karaganda zu Tode – wo sie zusammen mit den bereits früher deportierten Russlanddeutschen eingesetzt wurden.

(gim/.rufo)

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