Sonntag, 21.08.2011

Nach dem Augustputsch: Harter Weg durchs Tal der Tränen

Vorwärts oder rückwärts, das ist hier die Frage ... für das russische Staatswappen (Foto: Archiv)
Thomas Fasbender, Moskau. Der Coup gegen Michail Gorbatschow, den acht sowjetische Hardliner am 18. August 1991 anzettelten, war eine Farce und zum Scheitern verurteilt, bevor er noch begonnen hatte. Das Drama begann nach dem 21.August.
Sechzig Stunden lang herrschte im August 1991 die Junta der ratlosen Männer, denen niemand mehr gehorchen wollte. Die Elitetruppen verweigerten den Schießbefehl. Nach sieben Jahrzehnten Kommunismus hatte die alte Ordnung nichts mehr im Angebot.

Die Jungen, unter Breschnjew geboren, waren aufgewachsen im Stumpfsinn der Stagnation. Die Perestroika hatte die Ahnung geweckt, dass anderes möglich war. Es ging um elementare Freiheit; auch der Begriff Demokratie besaß seine Unschuld noch. Die Idee des Kommunismus war verdampft. An seine Stelle trat ein Vakuum, in dem jeder ums Überleben rang – erst recht nach dem gescheiterten Augustputsch 1991.

Wer im Frühjahr 1992 nach Moskau kam, erlebte kein Volk im Neubeginn. Die Intelligenzija spürte als erste den Preis. Der kommunistische Staat hatte sie alimentiert und durchgefüttert – das alles war Vergangenheit. Die besten Startchancen besaßen noch die Mafiabanden, deren Wurzeln bis in die Siebziger reichten.

Umbruch, Absturz, Aufstieg ...


Die neue Regierung unter dem Premierminister Gaidar, von ihren Gegnern als Jungs in kurzen Hosen verhöhnt, suchte ihr Heil in der Schocktherapie. Seit Januar 1992 waren die Preise frei und die Regale gefüllt, doch die Inflation stieg im selben Jahr auf schwindelerregende 2.500 Prozent. Renten und Spareinlagen waren wertlos, Löhne wurden monatelang nicht gezahlt, Lieferungen zwischen Unternehmen im Tauschhandel beglichen.

Die Privatisierung, die 1992 einsetzte und Teil der Schocktherapie war, traf auf eine bereits verarmte Masse. Ihr Mechanismus favorisierte die Nomenklatura, die Fabrikdirektoren und die Karrieristen aus dem Komsomol.

Das Volk wurde mit anonymen Anteilsscheinen abgespeist, die angeblich den Wert von mindestens einer Wolga-Limousine pro Anteilschein hatten; smarte junge Broker standen vor den Metrostationen und boten einen halben Liter Wodka für das bedruckte Papier – im Auftrag künftiger Oligarchen.

Die Jahre waren geprägt von den Wirren der neuen Zeit, vom ersten Tschetschenienkrieg und von der Auseinandersetzung mit den immer noch starken Kommunisten. Hatten 1988 noch weniger als zwei Prozent der Sowjetbürger unter der Armutsgrenze gelebt, so war es 1993 fast die Hälfte.

Jelzin - Grossvater der gelenkten Demokratie


Kein Wunder, dass der Held des Augustputsches, Boris Jelzin, wenige Monate vor seiner Wiederwahl zum Präsidenten 1996 nur einstellige Umfragewerte einfuhr. Die Wahlen wurden zum Prototyp der "gelenkten Demokratie"; der Westen schaute durch die Finger, Hauptsache "sein" Kandidat gewann.

Nicht anders war es während der Verfassungskrise 1993 gewesen, als Jelzin das widerspenstige Parlament mit Panzergranaten sturmreif schießen ließ. Die demokratischen Institutionen sind im postkommunistischen Russland den Zwecken untergeordnet – auch denen des Westens.

Angewiesen auf die Ressourcen des Big Business, ohne die seine zweite Präsidentschaft nie möglich gewesen wäre, opferte Jelzin das Tafelsilber. Im Rahmen der Loans-for-Shares-Auktionen Ende 1995 privatisierte der Kreml die wichtigsten Rohstoffbetriebe zu lächerlichen Preisen; im Gegenzug betrieben die Käufer, Michail Chodorkowski und andere, Jelzins Wiederwahl.

Während das Bruttosozialprodukt auf die Hälfte sank und das Volk darbte, entstand eine Gruppe von Milliardären, die sich Fernsehkanäle und Zeitungen zulegten, Politiker und Parlamentarier kauften und unter dem Deckmantel von Demokratie und Pressefreiheit auf schamloseste Weise gegeneinander oder gemeinsam gegen den Staat Privatpolitik betrieben.

Oligarchen und Dermokraten


In jenen Jahren entstand im Volksmund das immer noch oft zu hörende Schimpfwort Dermokratie - das russische Wort "Dermo" für die menschlichen Exkremente sagt alles.

Als schließlich die asiatische Finanzkrise Ende der 90er Jahre den Ölpreis auf 12 Dollar je Barrel drückte, brach dem Staat das Genick. Im Frühherbst 1998 verlor der Rubel zwei Drittel seines Wertes. Abertausende Unternehmen verschwanden im Konkurs, für viele war es die zweite Stunde Null in weniger als einem Jahrzehnt.

Am Ende waren die Menschen schlicht müde geworden. Die Zeit hatte Freiheit gebracht und Orientierungslosigkeit, tausend Blumen und den völligen Verlust jeder Sicherheit, und das neue Jahrtausend wuchs am Horizont wie ein großes, schwarzes Loch.

Auftritt Wladimir Putin ...


In dieser Situation erschien der seinerzeit völlig unbekannte Herr der Nullerjahre, Wladimir Putin, auf der politischen Bühne. Ein Deus ex machina mit stechendem Blick. Bis heute verkörpert sein schneidiges Charisma in den Augen vieler Russen etwas, das sie deutsch nennen: die beherrschte Distanz, mit der er seinen Landsleuten, die sich so gerne gehen lassen, kaum dass die Lage es erlaubt, disziplinierend entgegentritt.

Ohne großes Federlesen begab der Neue sich ans Aufräumen. Nach einem Jahr war die "Jelzin-Familie", die Entourage seines Vorgängers, entthront. Bestandsschutz gab es nur für den engsten, eigentlichen Familienkreis.

Der unselige Boris Beresowski, dem Putin sein neues Amt zum Teil verdankte, verschwand in der Londoner Emigration. Die Oligarchen verloren Zeitungen und Fernsehkanäle, der Staat arrondierte die strategischen Industrien, ergänzte sie um Rückkäufe von eingeschüchterten Eigentümern oder kassierte, wie im Fall von Jukos, die Aktiva auf dem Wege kalter, mit einem dünnen Mäntelchen der Legalität behangener Enteignung.

Mit Michail Chodorkowskis Verhaftung im Oktober 2003 war die Oligarchenmacht am Ende.

Wirtschaftswunder


Der nachhaltig steigende Ölpreis und eine kluge, auf Wachstum und fiskale Disziplin fokussierte Wirtschaftspolitik brachten die volkswirtschaftliche Wertschöpfung wieder auf das Niveau von vor 1990. Die verarbeitende Industrie wuchs um drei Viertel, die jährlichen Investitionen um mehr als das Doppelte, und Russland entwickelte sich zur weltweit sechstgrößten Wirtschaftsmacht.

Mit Hilfe einer "Flat tax" von 13 % wurden die Steuereinnahmen stabilisiert, und die Auslandsschulden, die 1999 noch bei fast 150 % des Bruttosozialprodukts lagen, waren 2005 komplett getilgt.

Selbstbewusst formte der Kreml die Erfolge in regionale Großmachtansprüche um, betrieb aktive Integration in Asien und goutierte die punktuellen Konflikte mit dem Westen, zuletzt im Kaukasus im Sommer 2008.

"Vertikale der Macht" und "Souveräne Demokratie"


Innenpolitisch war die Putin-Präsidentschaft von Patriotismus und den autoritär geprägten Konzepten der "Vertikale der Macht" und der "Souveränen Demokratie" geprägt, die sich von der westlichen Wertegemeinschaft keine Vorschriften machen lässt. 2005 wurden die Direktwahlen der Gouverneure abgeschafft, parallel die Massenmedien einer stärkeren Kontrolle unterworfen.

Beides hat den administrativen Durchgriff gefördert, aber auch Durchstechereien, Katzbuckelei und Machtmissbrauch. Bei aller wachsenden Skepsis zumal der jungen Mittelschicht sieht die weit überwiegende Mehrheit in diesem Kurs weiterhin eine legitime Alternative zu westlichen Modellen partizipativer Demokratie.

Der nächste Epochenwechsel bahnt sich an


Seit das Tandem aus Medwedjew und Putin die Zügel in der Hand hält, bahnt sich der nächste Epochenwechsel an. Die ungelösten Probleme sind gewaltig: : eine weithin verrottende Infrastruktur, das Urübel Korruption, die Lage im Nordkaukasus und die überbordende, unter Putin noch einmal aufgeblasene Bürokratie. Dringend erforderliche Strukturreformen beim Militär und den Rechtsschutzorganen stehen an.

Doch trotz der unbestreitbaren Probleme: Die Trendlinie ist aufwärts gerichtet, das Glas ist halbvoll, nicht halbleer. Zwei Jahrzehnte nach dem Untergang der UdSSR kann man dem Land für die Leistungen in dieser Zeit seinen Respekt nicht versagen.


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Thomas Fasbender lebt seit 1992 in Moskau, ist Geschäftsführer der CHECKPOINT RUSSIA und mit regelmässigen Kommentaren auf Russland-Aktuell präsent.
Dieser Beitrag zum Augustputsch erschien auch in der Berliner Wochenzeitung Junge Freiheit.