Montag, 02.03.2015

Nemzow-Mord: Politik auf brutale Art

Das Denkmal für die Stalin-Opfer wurde in St. Petersburg zur Gedenkstätte für Boris Nemzow (Foto: ld/.rufo)
Lothar Deeg, St. Petersburg. Der Mord an Boris Nemzow hat viele Menschen in Russland schockiert und verbittert – egal ob man nun die Ansichten und Behauptungen des vehementen Putin-Kritikers teilt oder nicht.

Aufrichtig trauern um den charmanten Sonnyboy der russischen Fundamental-Oppositions-Szene tut aber höchstens ein Teil jener 15 Prozent der Bevölkerung, die die gegenwärtige nationalistisch-antiwestliche Burgmentalität der russischen Führung ablehnen. 85 Prozent sind nach aktuellen Umfragen schließlich mit Putins Kurs und Führungsstil einverstanden.

Die nächtliche Exekution in Steinwurfweite vom Kreml zeigt aber auch den vielen Putin-Verstehern, dass etwas faul ist im Lande. Gewalt und sogar tödliche Gewalt ist wieder zu einem Mittel der politischen Auseinandersetzung geworden. Es ist mehr als 20 Jahre mehr, dass derartige Fragen in Moskau ausgeschossen wurden – damals allerdings nicht im Stil von Mafiamorden, sondern mit Panzern.

Flachdenker verbreiten dieser Tage gerne klare Schuldzuweisungen. Putin hat sicherlich kein Todesurteil wegen „Kreml-Kritik“ gegen Nemzow erlassen. Ebenso unwahrscheinlich ist die Theorie, dass finstere antirussische Zersetzungs-Strategen ihn als „sakrales Opfer“ auserkoren hatten, um Putin zu anzuschwärzen und die Kreml-Gegner aufzustacheln.

Aber der Mord nimmt nicht Wunder angesichts der hysterischen Hetze, die staatstreue Medien, obskure Patriotismus-Apostel und flinke Internet-Trolle inzwischen gegen jeden Ansatz von Kritik gegen die Ukraine-Strategie des Kremls führen: Wer Verständnis für den Kiewer Maidan äußert oder den Anschluss der Krim für falsch hält, ist Staatsfeind und wohl US-Agent. Und da in der Ostukraine die Waffen nun schweigen (zumindest gegenwärtig), haben sich die dort aktiven inoffiziellen Vaterlands-Krieger inzwischen offenbar neue Ziele gesucht.

Nemzow stand da in erster Reihe: Er arbeitete gerade an einem Report über das Engagement des russischen Militärs in der Ostukraine, er war einer der Cheforganisatoren einer für Sonntag geplanten Anti-Kriegs- und Antikrisen-Demo - die dann zum Trauermarsch wurde. Der kremltreue Sender NTW wollte am gleichen Abend eine „Enthüllungssendung“ über seine vaterlandslosen Umtriebe ausstrahlen – sie wurde nach dem Mord gecancelt, immerhin. Welche Pietät.

Realpolitisch war Nemzow zuletzt ein Leichtgewicht – Co-Vorsitzender einer liberalen Splitterpartei und Regional-Abgeordneter in Jaroslawl. Er war auch nicht der charismatische Führer-Typ, an dessen Lippen die Putin-Gegner hängen: Wenn diese Rolle überhaupt gegenwärtig jemand in Russland inne hat, dann Alexej Nawalny. Und Nawalny lebt vielleicht nur deshalb noch, weil er für 15 Tage in Ordnungshaft sitzt – wegen angeblich illegaler Agitation.

Russland bräuchte jetzt schnell einen „Minsker Frieden“ für den inneren Gebrauch – bevor noch mehr Blut fließt.