Samstag, 07.04.2012

Pussy Riot: Ein Faustschlag ins Gesicht der Kirche

Ist jede Provokation an jedem Ort gut, wenn sie nur gegen Putin gerichtet ist? Pussy-Riot vor der Ikonostase derErlöser-Kathedrale in Moskau (Foto: Livejournal)
Thomas Fasbender, Moskau. Eine maskierte Punk-Truppe kreischt und hopst um den Altar im vatikanischen Petersdom, lautstark vom Papst und dem lieben Gott fordernd, Israel vom Erstschlag gegen den Iran abzuhalten. Wie würden die Reaktionen ausfallen?
Die Wenigsten wissen, dass die Moskauer Christi-Erlöser-Kathedrale, das größte orthodoxe Gotteshaus der Welt, für die Gläubigen fast die gleiche Bedeutung hat wie der Petersdom für die katholische Christenheit. Auch das mag erklären, warum man im Ausland die Diskussion um den Auftritt der Punk-Band Pussy Riot in jener Kirche mit Unverständnis verfolgt. Der Skandal jedenfalls belebt die ereignisarme Zeit bis zur Amtsübernahme durch den neu-alten Präsidenten Wladimir Putin Anfang Mai.

Auslöser sind fünf junge Frauen, jene Band mit dem programmatischen Namen Pussy Riot, die Ende Februar, knapp zwei Wochen vor der Präsidentenwahl, in kurzen, bunten Kleidchen und gehäkelten Tarnkappen vor der Ikonostase der Erlöser-Kirche ein wildes Spektakel veranstalteten.

Der Wahnsinn hatte Methode. Wenig später war ein nachvertonter Mitschnitt auf Youtube hochgeladen, der die Damen als Veitstänzerinnen der demokratischen Opposition präsentierte. Und wie es sich für demokratische Veitstänzer gehört, war der durchgeknallte Tanz im Kern politisch, nämlich vom Herrgott am Orte seiner Anbetung eine Wahlniederlage des Favoriten Putin zu erflehen.

Das Geschehen nahm eine ernsthafte Wendung, als sich einige der selbsternannten Künstlerinnen in U-Haft wiederfanden. Ihnen droht die Verurteilung wegen Hooliganismus, ein Tatbestand mit einer Höchststrafe von sieben Jahren. In der russischen Öffentlichkeit werden noch ganz andere Strafen gefordert. Seitdem macht das Happening unter dem Namen Punk-Gebet Geschichte, und die Emotionen wallen.

Im südrussischen Krasnodar demonstrierten am letzten Märztag, über vier Wochen nach dem Vorfall, an die zehntausend Menschen gegen den provokanten Auftritt und skandierten Losungen der Empörung. Die Forderungen der Kirchenoberen schwanken zwischen harter Strafe und christlicher Milde. Der Kreml hält sich zurück, will nicht in die Mühle geraten zwischen der säkularisierten, liberalen Mittelschicht und den vielen, die sich durch Pussy Riot weniger in ihrem Glauben als in ihren Gefühlen für Anstand und Rücksichtnahme verletzt sehen.

In den westlichen Medien diskutiert man den Vorfall unter dem Stichwort Freiheit der Kunst. Damit wird allerdings eine Streitlinie fortgeschrieben, die in den Orkus gehört. Das kleinbürgerliche Verständnis von Kunst, demzufolge am Ende etwas "Schönes" herauskommen muss, stellt keine ernstzunehmende Verteidigungslinie mehr da.

Joseph Beuys ("Jeder Mensch ist ein Künstler") hat längst gesiegt, auf ganzer Front. Jeder ist ein Künstler, Kunst ist alles, und Kunst ist nichts. Ein Unbegriff. Vergessen wir die Kunst. Es gibt sie nicht mehr. Ein paar schreiende Gören werden sie nicht zum Leben erwecken.

Sehr wohl hingegen gibt es die Freiheit. Im alten Preußenlied wird daran erinnert, dass „für die Freiheit meine Väter starben". Für Pussy Riot? Oder doch eher für die Freiheit der Religionsausübung, deren Gegenstück der Respekt seitens der Nicht- oder Andersgläubigen ist. Bisweilen ist die Reaktion auf Respektlosigkeit auch ein Faustschlag ins Gesicht.

Symbolträchtig ist der Auftritt in der Christi-Erlöser-Kirche für die wachsende Rolle des Internets als Multiplikator politischer Positionen, denen virale Aufmerksamkeit sicher ist, wenn sie nur ein herrschendes Tabu provokant verletzen. Ein gespraytes Hakenkreuz auf der Synagogenwand wird zum Bekenntnis der Solidarität mit den unterdrückten Palästinensern. Hauptsache, eine Videokamera ist dabei. Ein Schweinekopf im Vorgarten der Moschee wird zum Fanal im Kampf gegen die Unterdrückung der Frau im Islam. Hauptsache, eine Videokamera ist dabei.

Und Pussy Riot betet gegen Putin. Die Mädchen können einem leid tun. In der "Moskauer Deutschen Zeitung" ist dem Thema die erste Seite gewidmet, aufgehängt an der Frage "Macht man das?". Zwei Stellungnahmen sind abgedruckt, pro und contra. Die Pro-Position fußt, kaum anders zu erwarten, auf der viel besungenen Freiheit der Kunst. "Ja das macht man", die vier Worte durchziehen enthusiastisch den kurzen Artikel: "Das macht man, wenn man auffallen, in der Gesellschaft etwas bewegen will".

Wer aber angreift, muss mit Gegenwehr rechnen. Ja das macht man – den Satz nimmt auch die andere Seite für sich in Anspruch. Die französischen Jakobiner haben auf den Altären gehurt, die Bolschewiken haben sie mit Kot beschmiert. Hier wie dort waren die Gegner bereits außer Gefecht gesetzt.

Inzwischen ist die russische Kirche wieder gut in Form. Soll sie sich wehren? Macht man das? Ja das macht man. Bisweilen ist auch der Faustschlag ein Menschenrecht.


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Thomas Fasbender lebt seit 1992 in Moskau und ist mit regelmäßigen Kommentaren auf Russland Aktuell präsent.