Dienstag, 21.08.2012

Pussy Riot: Putins klammheimliche Freude

Wer vor fremden Altären tanzt, muss sich auf einiges gefasst machen. Zumindest in einer Gesellschaft mit konstant niedrigem Spaßfaktor (Foto: TV)
Von Thomas Fasbender. Über das Strafmaß lässt sich streiten. Auch über den Tatbestand des Hooliganismus. Richtig ist jedoch, das Russland den Schutz sakraler Räume mittels Strafrecht zum staatlichen Anliegen macht.
Die Verurteilung der Moskauer „Punkband“ Pussy Riot ist daher im Grundsatz legitim. Kirchen, Synagogen, Moscheen und Tempel gehören nicht zum öffentlichen Raum, auch wenn ihre Türen allen offen stehen.

Wer dort eindringt und Handlungen vollführt, die zur rituellen Praxis und den Sitten des jeweiligen Glaubens in grobem Widerspruch stehen, begeht nicht nur Hausfriedensbruch. Er oder sie vergeht sich an der sakralen Aura, dem geweihten Charakter einer heiligen Stätte.

Tempel gehören geschützt - egal vor wem


Dieser Anspruch auf Achtung der sakralen Würde gilt gegen Andersgläubige genauso wie gegen jene, denen Gott, Religion und jede Vorstellung von Heiligkeit nur als Ausweis mangelhaften Denkvermögens gilt. In einem genuin multireligiösen Land wie Russland ist der Respekt vor dem Glauben des anderen unabdingbar.

Islam und Judentum waren an der Wolga schon zuhause, als die Slawen noch heidnische Götter anbeteten. Im Süden lebt mit den Kalmücken seit 400 Jahren das einzige buddhistische Volk westlich des Urals. All diesen Glaubensgemeinschaften hat der kommunistische Atheismus unsägliches Leid zugefügt.

Auch das erklärt die harsche Reaktion auf den Auftritt der Moskauer Punk-Gören. Der publizistische Hochmut, den Russland dafür in der Heimat von Marx und Engels erntet, zeigt jedenfalls, dass aus der Geschichte lernen wohl doch unmöglich ist.

Der eigentliche Skandal ist daher auch nicht die Verurteilung der drei jungen Frauen, sondern die Unfähigkeit des europäischen Westens, die geistigen und gesellschaftlichen Verschiebungen in der Welt des beginnenden 21. Jahrhunderts nachzuempfinden.

Freiheit, Freiheit über alles?


Jetzt beginnt sich zu rächen, dass wir Fortschritt viel zu lange ausschließlich in den Bahnen der europäischen Moderne definiert haben. Als liefe alles auf ein einziges Ziel hinaus. Die Freiheit des Ichs ist aber nicht der Fluchtpunkt der Weltgeschichte.

Nicht nur in Russland regt sich wachsender Widerstand gegen eine solch einseitig westliche Sicht. Nicht nur in Russland sucht man Wege, um im postindustriellen Zeitalter überkommene Werte und Institutionen zu bewahren und nicht alle Brücken hinter sich zu verbrennen. Jenseits der europäischen Grenzen, nicht zuletzt in den USA, erfahren die Religionsgemeinschaften neuen Zulauf. Selbst das in Europa eingeschüchterte Christentum legt andernorts zu, sogar in einem Land wie China.

Auf all das schaut die Alte Welt mit einem Tunnelblick, der sich unter den Bedingungen wirtschaftlicher Verunsicherung nur noch verengt. Ob Arabischer Frühling oder Pussy Riot – was nicht sein darf, das nicht sein kann.

Eine Pussy-Riot ist noch keine Revolution


Die Darstellung der russischen Verhältnisse ist reduziert auf einen bösen Präsidenten und die westlich orientierte Opposition (die man im Lande selbst nur als versprengten Haufen wahrnimmt). Was liest man nicht alles: die russische Gesellschaft vor der Spaltung, Russland in Aufruhr ob der Pussy-Urteile. Das Ganze erinnert an die "Aktuelle Kamera", die Tagesschau der DDR, die jeden Streik im Ruhrgebiet zum Auftakt der Weltrevolution hochstilisierte.

Instinktiv verteidigt Europa die große Errungenschaft der Generationen seit 1968, das Ergebnis aus 40 Jahren Schuldenmachen: die Spaßgesellschaft. Das unbedingte Recht auf Selbstverwirklichung und Selbstdarstellung, und sei es in Form lästerlicher Veitstänze vor dem Altar. Freiheit, die ich meine.

Von außen betrachtet verliert der Zauber rasch seinen Glanz. Die Spaßgesellschaft kommt verdammt teuer, nicht nur wegen der immensen Finanzierungskosten. Wer soll da noch neidisch werden?

Putin zeigt sich immun gegen die Spaßgesellschaft


An Russland, Staat und Volk, zumal am russischen Präsidenten, perlen die Belehrungen ohnehin ab. Da ist zum einen die uralte, tief gefühlte Distanz zum Rest des Kontinents. Und da ist neu gewonnener Stolz.

Moskau ist nicht Düsseldorf, und in Russland gelten russische Gesetze. Besserwissern jenseits seiner Grenzen hat Russland noch immer die kalte Schulter gezeigt. Und so wird Wladimir Putin in seiner dritten Präsidentschaft endgültig zum Hassobjekt der Ich-will-alles-und-das-sofort-Fraktion.

Man darf vermuten, dass er daran seine klammheimliche Freude hat.


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Thomas Fasbender lebt seit 1992 in Moskau und ist mit regelmäßigen Kommentaren auf Russland Aktuell präsent.