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Als Wal-Jäger hat Putin Erfahrung, als Wahlkämpfer fürchtet er den Schmutz (Foto: vesti.ru)
Als Wal-Jäger hat Putin Erfahrung, als Wahlkämpfer fürchtet er den Schmutz (Foto: vesti.ru)
Donnerstag, 30.06.2011

Putin will 2012 Säuberung – oder nur einen Waschtag?

Jekaterinburg. Russlands Tandem spricht, was die ewige „Kandidatenfrage“ angeht, weiter in Rätseln. Premier Putin hat jetzt immerhin gesagt, was er nach der Wahl machen werde – nämlich eine Generalreinigung.

Auf einer Regionalkonferenz seiner Partei „Einiges Russland“ im Jekaterinburg wurde Putin eine trickreiche Frage gestellt – nämlich, die was er nach den Wahlen 2012 zu tun gedenke.

Damit umging der Fragesteller elegant die Kernfrage, auf die weder Premier Wladimir Putin noch Präsident Dmitri Medwedew seit einer gefühlten Ewigkeit antworten – nämlich, wer von dem Spitzenpolitiker-Duo zur nächsten Präsidentenwahl antritt.

Nach der Wahl muss der Dreck runter


Genauso diffus blieb aber auch die Antwort Putins: Er werde sich der Hygiene widmen. Wörtlich sagte Putin: „Ich gehe mich waschen. Im hygienischen Sinne dieses Wortes und im politischen. Nach allen Wahlkämpfen, die uns bevorstehen, muss man sich, wie es sich gehört, um die Hygiene kümmern.“

Nur, was sollen diese Worte bedeuten? Offensichtlich ist, dass Putin einen „schmutzigen“ Wahlkampf erwartet, bei dem auch der Kandidat der gegenwärtigen Staatsführung einigen Dreck abbekommen wird.

Putin müsste auch für Medwedew Wahlkampf machen


Dass dieser Kandidat Putin heißt, ist damit aber nicht automatisch gesagt. Denn auch in seiner Rolle als Regierungs-Chef und Vorsitzender der gegenwärtigen Mehrheitspartei „Einiges Russland“ muss sich Putin in die Wahlkampfniederungen begeben - zumal vor der Präsidentenwahl im März 2012 im Dezember diesen Jahres auch noch die Parlamentswahl ansteht. Und die Meinungsumfrage-Werte für seine selbstgefällige Beamten-Partei sind nicht so rosig wie sie es sich wünschen möchte.

Bei Russland-Aktuell
• ER-Parteitag Anfang September – mit Kandidatenkür? (16.06.2011)
• Volksfront: Wasch mir den Pelz, mach mich nicht nass (12.06.2011)
• Sunday Times: Der Präsidentenkandidat heißt Putin (23.05.2011)
• „Frage-2012“: Parteitag von ER bestimmt den Kandidaten (19.05.2011)
• Medwedew: Entscheidung über Kandidatur „schon nahe“ (18.05.2011)
Doch wie will Putin „sich im politischen Sinn waschen“? Dazu könnte er sowohl ins Kloster gehen (also von allen politischen Ämtern zurücktreten) oder auch sich als neuer-alter, mit allen Autoritäten gesalbter Staatschef so hoch über die Niederungen des Polit-Alltags erheben, dass man die Dreckspritzer auf seinem Gewand nicht mehr wahrnehmen kann.

Putzt Putin nicht sich - sondern Russlands Politik?


Man kann die Putin-Worte natürlich auch anders interpretieren – so wie dies etwa die den deutschen Nachrichtenmarkt dominierende Agentur dpa tut: Sie übersetzt das von Putin genutzte Wort „umiwatsja“ (sich waschen) als „säubern“ bzw. „reinemachen“.
So wird auch ein Schuh draus: Putin nimmt also die unausweichlichen Schlammschlachten des Wahlkampfs noch auf sich – aber danach rollt dann eine politische Säuberung über das Land. Und alle, die zuvor mit Dreck in Richtung Putin geworfen haben, müssen sich auf einen Kehraus mit eiserner Hand gefasst machen.

Eine Abreibung mit weißrussischer Kernseife?


Diese Interpretation impliziert also, dass nach den demokratischen Pflichtübungen der beiden Wahlgänge in Russland die politischen Gegner nichts mehr zu lachen haben. Besonders intensive Nach-Wahl-Hygiene betrieb in dieser Hinsicht ja bekanntlich Weißrusslands Staats-Lenker Alexander Lukaschenko, der im Dezember kurzerhand fast alle seiner unterlegenen Gegenkandidaten ins Gefängnis stecken ließ.

Drohen Russland jetzt also Minsker Verhältnisse? Ausschließen kann man es nicht, genauso wenig wie eine erneute Kandidatur Medwedews mit Putins Billigung, dessen Rückzug aufs Altenteil oder eine Kampfkandidatur der beiden Schwergewichte gegeneinander. Das Tandem lässt die Öffentlichkeit ja schon über den nächsten Schritt im Unklaren – wie soll man da den übernächsten vorhersehen können?

Putin beruft sich auf Churchill


Gegen die Theorie von der anstehenden „Säuberung“ spricht, dass Putin in Jekaterinburg schon im nächsten Satz faktisch ein Bekenntnis zur Demokratie abgelegt hat (was von der dpa übrigens nicht mehr gemeldet wurde) – wenn gleich ganz offensichtlich etwas schweren Herzens:

„Wie Churchill sagte, die schlechteste aller Staatsformen ist die Demokratie, aber eine bessere gibt es auch nicht“, erklärte Putin.

Ein kollektiver Banja-Gang tut es auch


Vielleicht wollte Putin ja auch nur andeuten, dass er nach dem Wahlstress erst einmal ausführlich in die Banja gehen will – schließlich ist die feucht-heiße Sauna ein in Russland beliebtes Ritual zum Erholen nach allerlei Härten und Ungemach.

Und wie man auch weiß, werden in Russland die wirklich wichtigen Entscheidungen in trauter, mehr oder weniger entblößter Männerrunde in der Schwitzkammer getroffen.

Das war auch schon so, als es noch keine Demokratie im Land gab.

(mit Material von dpa)


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