Von Lothar Deeg, St. Petersburg. Gestern nachmittag explodierte in einem Bus auf dem Busbahnhof der inguschetischen Stadt Malgobek eine Granate. Vier Menschen wurden getötet, neun verletzt. So viel steht fest. Was aber eigentlich genau geschah, ist Gegenstand wilder Gerüchte und widersprüchlicher Aussagen kaukasischer Amtspersonen: Als Versionen zur Auswahl stehen: ein Streit, eine Geiselnahme, ein Terrorakt, eine Antiterroraktion ...
In ersten Berichten war einfach von einem Streit zwischen Buspassagieren die Rede: Einer habe dabei eine Granate hervorgezogen, die dann explodiert sei. Heute morgen berichteten Nachrichtenagenturen, es habe sich dabei um die teilweise missglückte Verhaftung einer tschetschenischen Terroristengruppe durch Geheimdienst und inguschetische Miliz gehandelt. Einer der Verdächtigen sei dabei in den Bus geflohen und habe dann sich und die anderen Insassen in die Luft gesprengt.
Interfax verbreitete hingegen am Freitagmorgen die Version, bei dem blutigen Zwischenfall habe es sich um eine Antiterroraktion von tschetschenischen Ordnungshütern gehandelt: Ziel sei die Verhaftung von zwei oder drei Leuten aus der Gruppe Schamil Bassajews gewesen. Einer von ihnen habe dabei die Granate gezündet und sei selbst ums Leben gekommen. Unter Berufung auf eine Quelle in den tschetschenischen Sicherheitsbehörden hiess es, die Aktion sei mit den inguschetischen Kollegen abgesprochen gewesen.
Dennoch hätte die inguschetische Polizei ihre drei tschetschenischen Kollegen bei der Rückfahrt in Richtung Tschetschenien aufgehalten und den von ihnen in Malgobek verhafteten Tschetschenen wieder freigelassen. Die drei Antiterrorkämpfer hätten dabei Ausweise vorgelegt, die sie als Angehörige der Wache des amtierenden Republikoberhauptes Achmed Kadyrow auswiesen.
Version vier von heute nachmittag beruht auf dem inguschetischen Vize-Innenminister Chamatchan Albatow: Gegenüber „gazeta.ru“ erklärte er, das ganze sei weder ein Terrorakt, noch eine Verhaftung, sondern eine Geiselnahme gewesen. Demnach hätten auf dem Busbahnhof drei Tschetschenen den Versuch gemacht, drei als Flüchtlinge in Inguschetien lebende Landsleute zu verschleppen. Einer sei jedoch geflohen, der zweite versteckte sich in dem Bus, der daraufhin von den Kidnappern beschossen und mit einer Handgranate gesprengt wurde. Opfer Nr. 3 wurde in ein Auto gesetzt. Auf dem Weg zur 20 Kilometer entfernten tschetschenisch-inguschetischen Grenze wurden die Geiselnehmer jedoch aufgehalten, festgenommen und die Geisel befreit. Laut Albatow hatten die Kidnapper tatsächlich Dokumente, die sie als Sicherheitsleute von Kadyrow auswiesen. Ob diese allerdings echt oder gefälscht seien, müsse noch geklärt werden.
Bleibt von unbeteiligter und unparteiischer Seite der Wunsch hinzuzufügen, dass es den Behörden auch noch gelingen möge herauszufinden, wer bei diesem Drama die Guten und wer die Bösen waren. Denn wenn Terrorakte auch nach 24 Stunden nicht von Antiterrorakten zu unterscheiden sind, wird sich die Presse auch bei gutem Willen schwer tun, die neuen difizilen Maulkorbvorschriften des russischen Mediengesetzes korrekt zu beachten.
(ld/rUFO)
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