Montag, 18.10.2010

Sarrazin ist überall - Rückblick auf Wulffs Kremlbesuch

Mehr als ein Symbol - russisch-orthodoxe Kirchenglocken (Archiv/.rufo)
Gisbert Mrozek, Moskau. Angela Merkels Abschied von Multikulti wurde in russischen Medien sofort gemeldet. Merkel, Medwedew und Sarkozy hätten heute beim Abendessen in der Normandie noch ein abendfüllendes Thema - das auch Bundespräsident Wulff in Moskau nicht losließ.
Bundespräsident Christian Wulff liess sich fast nichts anmerken. Aber die von Sarrazin angestossene Diskussion folgte ihm in der vergangenen Woche auch in Moskau auf Schritt und Tritt, bei der Pressekonferenz im Kreml und vor Studenten in der Wirtschaftshochschule.

Wie er denn nach seinen ersten Russland-Erfahrungen die Diskussion über Kulturidentität sehen würde, wurde er sowohl bei der Pressekonferenz im Kreml als auch bei der Diskussion in der Wirtschaftshochschule gefragt.

So deutlich, wie Angela Merkel wenige Tage später vor der Jungen Union wurde Wulff in Moskau nicht. "Keine Innenpolitik im Ausland", sagte er. Wulff antwortete präsidial, betonte erstaunlich klar die christlich-abendländische Wertegemeinschaft - wich aber der Frage einer Studentin aus, wie er denn die Frage des EU-Beitritts der Türkei im Lichte der jüngsten Diskussion beurteilen würde.

Die Probleme kultureller Identität sind eben auch überall, sie stellen sich nur im Vielvölkerstaat Russland mit seinen 120 Sprachen und Völkern, die allen nur erdenklichen Religionen angehören, viel schärfer.

Dialog der Kulturen heisst eine im jüngeren Russland mit Unterstützung des Kremls neu formulierten Konzeptionen - getragen von Putin-Freund Wladimir Jakunin, aber auch von russisch-orthodoxen Würdenträgern, Muftis, Rabbis und Schamanen.

Gemeint ist mit "Dialog der Kulturen", dass die verschiedenen kulturellen Identitäten der Ethnien und Religionen wechselseitig akzeptiert und bekräftigt werden - und auf dieser Grundlage gegenseitiger Achtung der Dialog geführt wird. Das trägt auch dem Rechnung, dass die Konzeption des konturlosen Sowjetmenschen schon längst in der Realität gescheitert war.

Jedenfalls kommt in der Moskauer Metro, in Discos und Konzertsälen niemand auf die Idee, nationale Zugehörigkeiten schamhaft-peinlich zu verschweigen.

Ein Armenier bleibt in Russland auch dann ein Armenier, wenn er in der dritten Generation in Moskau lebt. Aserbaidschaner werden Aserbaidschaner genannt, Jakuten als Jakuten, Juden als Juden, Tschuwaschen als Tschuwaschen und Deutsche als Deutsche angesprochen - auch wenn sie einen russischen Pass in der Tasche haben.

Wobei es aber gar keine Frage ist, dass Russisch die verbindliche Amts-, Verkehrs- und Literatursprache in Russland ist.


Das ist ein Gegensatz zur Schmelztopf-Ideologie der USA und ein Graus für alle, die mit den ehernen Grundsätzen westlicher Politcal Correctness ausgestattet auf Russland blicken.

Trotzdem ist es sinnvoll, auch diese Aspekte russischer Politik ernst zu nehmen. Immerhin hat es in Russland nicht zufällig noch keine ethnisch-kulturell fundierten Krawalle a la Paris gegeben, obwohl zwischen Moskau und seinen Kolonien nicht das Mittelmeer liegt.

Allerdings erzeugt in den letzten Jahrzehnten der enorme Migrationsdruck auf die Metropole Moskau, der Zustrom von (islamischen) Gastarbeitern aus Mittelasien und der ungebremste Zuzug aus der (islamischen und russischen) Kaukasusregion in der russischen Hauptstadt auch eine aufs Äußerste gespannte Situation. Viele Altmoskauer empfinden ihr Stadt als "Geisel des Kaukasus" und Mittelasiens.

Jedenfalls hätten Angela Merkel, Nicolai Sarkozy und Dmitri Medwedew heute beim Abendessen in der Normandie noch ein weiteres abendfüllendes Thema - gerade weil die historischen Voraussetzungen in allen drei Ländern grundverschieden sind.