Montag, 13.10.2008

Tschetschenien: Wählen kann auch befohlen werden

Kadyrow ist der starke Mann in Grosny. An einem 100prozentigen Wahlsieg zweifelt er nicht (Foto: Archiv)
Grosny. „100 Prozent, wenn nicht mehr“, hat Tschetscheniens Präsident Ramsan Kadyrow gefordert. Am Ende haben „nur“ 95 Prozent der Tschetschenen abgestimmt. Brav machten die Wahlschäfchen ihr Kreuz beim Einigen Russland“.
Sein Wunschergebnis hat Kadyrow jr. zwar klar verfehlt, aber mit 95 Prozent Wahlbeteiligung erinnert Tschetschenien in dem Punkt immer noch an die DDR seligen Angedenkens. Von Fälschung will die Wahlkommission nichts wissen.

Igor Borissow von der Wahlkommission kommentierte sogar Kadyrows Forderung von über 100 Prozent als „theoretisch möglich“. Nach Tschetschenien zurück kehrende Flüchtlinge, die noch nicht in den Wahllisten aufgenommen worden seien, machten dieses Paradox möglich, erklärte Borissow.

„Hohe Wahlbeteiligung ist mentalitätsbedingt“


Zudem sei die hohe Wahlbeteiligung auf die „Mentalität der kaukasischen Republiken“ zurückzuführen, fügte er hinzu. Demnach entscheidet nicht die Einzelperson, sondern der gesamte Clan über eine Teilnahme an der Abstimmung oder das Fernbleiben.

Scheinbar waren sich alle tschetschenischen Clans auch darüber einig, die von Kadyrow geführte Kreml-Partei „Einiges Russland“ zu unterstützen, denn die belegte mit 88,4 Prozent unangefochten Platz 1. Auf dem zweiten Platz landete die kleine Schwesterpartei „Gerechtes Russland“ mit 9,2 Prozent.

Abstimmung wie erwünscht


Alle anderen Parteien verfehlten den Einzug ins Regionalparlament klar. Kommunisten und die vom Populisten Wladimir Schirinowski geführte Partei LDPR erreichten nicht mal 1 Prozent der Stimmen.

Verwunderlich bei diesem „mental bedingten“ Abstimmungsverhalten der Tschetschenen ist lediglich, dass die Ergebnisse stets so ausfallen, wie von oben gewünscht. Oder stimmen am Ende nicht einmal die einzelnen Clans, sondern nur ein Clan – der Kadyrow-Clan – darüber ab, wie gewählt wird?