Donnerstag, 05.07.2007

Warum Sotschi 2014 gut für Russland und Europa ist

Das Kandidaten-Logo ist jetzt auch das Logo des Austrägers der Olympischen Winterspiele 2014 (Foto: qiq.ru).
Moskau/Sotschi. Sotschi 2014 ist gut für Putin. Vor allem aber gut für den Kaukasus und Russland, dessen Modernisierung und globale Integration. Auch wenn es schlecht ist für Rentner, Ruhe und Rest-Natur in Sotschi.
Es gibt Menschen in Sotschi und Umgebung, die nicht jubeln. Denn mit dem großen Geld und dem Riesenrummel kommen auch die Preis- und Mieterhöhungen. Nicht alle in Sotschi werden daran verdienen. Was wird jetzt aus uns, fragt eine Bekannte aus Sotschi-Adler. Wird die Bevölkerung im Meer versenkt?

Von der Ruhe im Dorf Krasnaja Poljana und von der Schönheit der stillen Bergwälder in dem Tal wird wahrscheinlich nicht mehr viel übrig bleiben, wenn die Schnellstraße nach Krasnaja Poljana gebaut und die 10 Milliarden Euro investiert sind, mit denen die Infrastruktur olympiafit gemacht werden soll.

Trotz der Versuche, den WWF und Naturschutzbedenken in die olympische Bauplanung einzubeziehen, werden Wälder und Feuchtgebiete leiden. Das ist schlimm, auch wenn es längst nicht die einzigen Wälder und Feuchtgebiete im Kaukasus sind.

Es gibt wirklich Gründe zu Feiern – auch für Europa



Der Jubel heute Nacht in Sotschi, als auf den Großmonitoren die Entscheidung aus Guatemala angezeigt wurde, das anschließende Feuerwerk und die Volksfeiern waren natürlich gut organisiert. Aber es gibt wirklich Gründe zu feiern – auch für Europa. Viel mehr Gründe, mit Verlaub gesagt, als wenn die Wahl auf Salzburg gefallen wäre.

Die olympischen Winterspiele von Sotschi und die Vorbereitung darauf bringen wichtige Anstöße für die Entwicklung der Kaukasusregion, die Modernisierung Russlands, dessen globale Integration – und wohl auch für die Lösung regionaler Konflikte, die dem bisher im Wege stehen.

Olympischer Frieden für den Kaukasus?



Olympische Spiele in Russland und noch dazu im Kaukasus, einer Weltregion, die bis dato gern mit dem Attribut „Pulverfass“ belegt wurde – an diese Vorstellung muss man sich erst einmal gewöhnen. Auch in Russland selbst, wo viele Menschen nicht an einen Erfolg bei der Bewerbung glauben wollten – „weil bei uns doch nie etwas richtig funktioniert“.

Jetzt hat es doch geklappt: Für Sotschi sprach ein professionelles und überzeugendes Konzept, ein interessanter – und was angesichts der Klimanöte zunehmend wichtig ist - auch schneesicherer Standort, viel parat stehendes Geld und die volle Rückendeckung durch die Staatsführung. Die Olympischen Spiele in Russland waren auch einfach mal wieder fällig – denn den vielen, vielen Goldmedaillen, die sowjetische und russische Sportler winters wie sommers abräumen, standen bisher nur die boykottgeschädigten Sommerspiele von Moskau 1980 gegenüber.

Für das zentralistische Russland ist es gut, dass nun neben den Metropolen Moskau und St. Petersburg ein neuer Entwicklungsschwerpunkt definiert wurde. Etwa 10 Milliarden Euro wollen Staat und Privatwirtschaft bis 2014 in Sotschi investieren – womit die bisher nur im Sommer gefragte Küste am Schwarzen Meer zu einer modernen und ganzjährig attraktiven Ferienregion aufsteigen wird.

Olympischer Tourismus verändert das Russlandbild – und das Selbstbildnis der Russen



Der Strom olympischer Touristen wird die Tore zum Süden Russlands weiter öffnen und Visaerleichterungen befördern. Das verändert das Denken. Das ist für die Beziehung zwischen den Menschen in Russland und Westeuropa wichtiger als tausend Fernsehreportagen.

Sotschi 2014 kann sich aber nicht nur positiv auf das Russlandbild im Westen auswirken, sondern vor allem auch auf das Selbstbildnis der Russen. Die Entscheidung von Guatemala hilft, postsowjetische Syndrome zu überwinden. In den Köpfen der Menschen und in der politischen Realität:

Der Bau- und Immobilienboom von Sotschi und an der gesamten russischen Kaukasusküste dürfte in die gesamte Region ausstrahlen. Das betrifft weniger Tschetschenien jenseits der Berge, denn Grosny und Sotschi sind so weit voneinander entfernt wie Wien vom Kosovo.

Sotschi 2014 hilft, Regionalkonflikte zu lösen



Dicht dran an Sotschi gibt es den lange schwelenden georgisch-abchasischen Konflikt - der aber nur dann akut wird, wenn der georgische Präsident Michail Saakaschwili zur Brechstange greifen sollte - und das dürften ihm oder seinem Nachfolger gegebenenfalls seine internationalen Verbündeten ausreden.

Russland selbst wird besonders stark daran interessiert sein, den Abchasienkonflikt in den nächsten sieben Jahren zu entschärfen und gelöst zu bekommen. Die Winterspiele 2014 werden direkt an der Grenze zu Abchasien stattfinden. Das wird auch den Abchasen helfen, international wahrgenommen zu werden. Man kann kaum noch an ihnen vorbeisehen. Und ein wenig vom Geldsegen aus Sotschi dürfte auch in Abchasien ankommen.

Sotschi 2014 ist eine Verpflichtung zum Frieden



Auch wenn Sotschi und sein bergiges Hinterland von Gewalt und Terror nie unmittelbar betroffen waren, Olympische Spiele können nicht in einem Spannungsgebiet stattfinden. Für Wladimir Putin und seinen 2008 antretenden Nachfolger ist der Triumph von Guatemala eine ernsthafte Verpflichtung: die Kaukasusregion muss endlich ihren Frieden finden.


Jetzt ist vom Kreml politische Deeskalation und gründliche Aufbauarbeit gefordert – nicht nur in Sachen Hotels, Stadien und Eiskanäle, sondern vor allem für die Menschen in diesem theoretisch doch so paradiesischen Erdenwinkel.

Gisbert Mrozek, Moskau; Lothar Deeg, St.Petersburg