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Die Premierminister Polens und Russlands, Donald Tusk und Wladimir Putin bei ihrer ersten Begegnung. (Foto: gover.pl)
Die Premierminister Polens und Russlands, Donald Tusk und Wladimir Putin bei ihrer ersten Begegnung. (Foto: gover.pl)
Dienstag, 01.09.2009
Aktualisiert 01.09.2009 17:16

Westerplatte: Putins neue Versöhner-Rolle in Polen

Gisbert Mrozek, Moskau. Der Kreml scheint manchmal versöhnungsfähig. Putin probt sich in Polen in einer neuen Rolle - wenn auch ohne Kniefall wie Willy Brandt. Ansätze einer neuen Westpolitik auf der Westerplatte?

Bundeskanzler Willy Brandt hatte 1970 in Warschau vor dem Ehrenmal für das jüdische Ghetto einen Kranz niedergelegt und kniete dann nieder.

Brandts Kniefall von Warschau löste in der Bundesrepublik bei der CDU/CSU helle Empörung aus - öffnete aber die Tür für die neue Ostpolitik (die sich die CDU inzwischen eigentlich gerne selbst zuschreiben würde).

Der demütige Kniefall Brandts war der Beginn der Entspannungspolitik, der Wiedervereinigung Deutschlands - und auch des Zerfalls des Sowjetimperiums und des Warschauer Paktes.

Wladimir Putin wird nirgendwo in Polen demütig niederknien. Aber was er jetzt bei den Gedenkfeiern anlässlich des Beginns des Zweiten Weltkrieges tat, könnte doch der schüchterne erste Ansatz einer neuen Westpolitik Russlands werden.

Klare Worte zu Katyn und zum Hitler-Stalin-Pakt


In einem Beitrag für die polnische Zeitung "Gazeta Wyborcza" hatte Putin gestern dazu aufgerufen, die Lasten der Vergangenheit und des Misstrauens zu überwinden. Ex-KGB-Offizier Putin schrieb da, der Massenmord des NKWD (KGB) an polnischen Offizieren in Katyn und Mednoje dürfe nicht vergessen werden.

Russland, das unter dem Totalitarismus gelitten habe, könne die Empfindlichkeit der Polen wegen Katyn gut verstehen. "Wir sind verpflichtet, gemeinsam das Gedenken an die Opfer dieses Verbrechens zu bewahren."

Und Putin verurteilte den Hitler-Stalin Pakt als "unmoralisch".

Das sind unerwartet neue Töne aus Moskau, zumal Kremlherr Dmitri Medwedew vor kurzem erst eine Sonderkommission aus Geheimdienstlern und Militärs gebildet hatte, die "Geschichtsfälschungen" im In- und Ausland verhindern soll. Geschichtsfälscher, die allzu grob von der offiziellen Geschichtsinterpretation abweichen, sollen sogar vor Gericht gestellt werden, sieht ein Gesetzentwurf der Kreml-Partei Einiges Russland vor.

Stalins Pakt mit Hitler


Nun weicht Putin selbst die althergebrachten Moskauer Positionen auf, denn bisher galt der Hitler-Stalin-Pakt (in Moskau immer leicht euphemistisch "Molotow-Ribbentrop-Pakt" genannt) als ein notwendiger realpolitischer Versuch Stalins, Zeit und Raum zu gewinnen.

Bei Russland-Aktuell
• Polen hofft auf Putins Abbitte für Hitler-Stalin-Pakt (31.08.2009)
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• USA verzichten auf Raketenabwehrschirm in Osteuropa (10.07.2009)
• Grüne protestieren gegen Moskauer Katyn-Urteil (05.02.2009)
• Geheimdienst Polen: Beschuss georgische Provokation (26.11.2008)
Putin geht zwar nicht so weit, den Hitler-Stalin-Pakt als Kriegsauslöser zu bezeichnen - was die polnische Position ist. Tatsächlich ist aber inzwischen auch im Westen die Hauptströmung unter Historikern eher, dass schon das Münchener Abkommen 1938 und die Annexion der Tschechei durch Hitler (an der sich auch Polen beteiligte) den Weg zum Krieg frei machte.

Hitler habe den Überfall auf Polen und später auf die Sowjetunion von langer Hand vorbereitet, schreibt Putin.

Die Theorie, tatsächlich habe Stalin einen Westfeldzug nach Berlin geplant und die "Operation Barbarossa" sei eigentlich nur ein erzwungener Präventivschlag der Wehrmacht gewesen, ist die Interpretation einer kleinen Minderheit von Historikern, die allerdings auch in Russland vertreten ist - trotz Medwedews Geschichtsfälscher-Dekret.

Weiteres Entgegenkommen nach dem Schuldanerkenntnis?


Putin bekennt aber die sowjetische Schuld an dem Massenmord an wahrscheinlich 15.000 polnischen Offizieren in Katyn, in der NKWD-Datschen-Siedlung bei Mednoje (Gebiet Twer) und einigen anderen Orten.

Offen bleibt dabei, ob die russischen Archive und die Dokumente über diese Tragödie, die bisher nur zum Teil öffentlich sind, bald auch für polnische Historiker vollständig zugänglich gemacht werden.

1921: Putins Finger auf Polens wunder Stelle


Putin erinnert die Polen aber auch daran, dass zur Versöhnung zwei Seiten gehören und dass - wie die Opfer von Katyn - auch die toten russischen Kriegsgefangenen in Polen von 1920 nicht in Vergessenheit geraten dürfen - ein Kapitel, das für Polen mindestens so unangenehm ist, wie die Morde von Katyn für Russland.

1921 waren 85.000 bis 200.000 Rotarmisten nach der gescheiterten Offensive Budjonnys bei Warschau in Gefangenschaft geraten. 20.000 (polnische Angaben) bis 80.000 von ihnen verhungerten, erfroren und verreckten erbärmlich in den polnischen Gefangenenlagern.

Polen stand zu der Zeit unter der Präsidentschaft des Marschalls Pilsudski, der nach dem Ende des Ersten Weltkrieges mit einem polnischen Blitzkrieg versucht hatte, Litauen, Weißrussland und die Ukraine zu erobern, um Groß-Polen in seinen historischen Grenzen wiederherzustellen.

Ein vergessener polnisch-sowjetischer Krieg


Im Laufe des polnischen Vorstoßes und der sowjetischen Gegenoffensive (zum Export der sozialistischen Revolution nach Europa) starben über 400.000 Rotarmisten und über 200.000 polnische Soldaten. Hinzu kommen Hundertausende von Opfern in der Zivilbevölkerung in den umkämpften Gebieten.

Auch das sind schwere Altlasten der europäischen Geschichte, die noch weitgehend im Dunkeln liegen. Die notwendige öffentliche Aufarbeitung dürfte für alle schmerzhaft sein - auch für Polen und Russland.

Wichtiger als die Geschichts-interpretation aber scheint die stille Gewalt der Ökonomie:

Nach einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem polnischen Premier Donald Tusk wollte Putin sich auch noch mit den Regierungschefs der Ukraine, Tschechiens, der Slowakei, Kroatiens, Bulgariens und der Niederlande treffen. Alle Staaten sind an Gaspipeline-Projekten beteiligt.


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