Freitag, 05.10.2012

100 schöne Tote – auch Abrisshäuser haben eine Seele

Weiße Totenmasken schwimmen auf der Petersburger Moika. Eine jede für einen der "100 schönen "Toten". (Foto: Brammerloh/.rufo)
St. Petersburg. Im Kreativraum „Tkatschi“ geht es aktuell um das Schicksal der vielen Häuser, die in Petersburg in den letzten Jahren abgerissen wurden. Theaterstück und Ausstellung sind ein deutsch-russisches Co-Produkt.
Was passiert, wenn ein altes Haus verschwindet? Ist dann nur ein Haufen Steine weggeräumt worden oder hinterlässt die Lücke eine Narbe auf dem Körper der Stadt?

Das Kunstprojekt „100 schöne Tote“ zeigt Parallelen auf zwischen dem Leben eines Menschen und dem eines Gebäudes. Die „schönen Toten“ sind 100 Häuser, die in den letzten zehn Jahren aus dem Bild der Petersburger Altstadt verschwunden sind.

Als seien es eigene Erinnerungen und Ängste




Alles beginnt mit einem blauen Bauzaun. Der begegnet dem Passant in Petersburg auf Schritt und Tritt. Er ist so etwas wie ein Symbol für die Städtebaupolitik geworden. Wo ein blauer Zaun steht, da wird abgerissen und neu gebaut. Im Kunstraum „Tkatschi“ am Obwodny Kanal führt er den Besucher in den Zuschauerraum, wo ihn ein Mysterium rund ums annoncierte Thema erwartet.

Er findet sich plötzlich hinter Baugerüsten und grünen Tarnnetzen wieder, sitzt sozusagen selbst in einem alten Haus, das seinem Abriss entgegensieht. Im Laufe der Handlung schmilzt die anfängliche Distanz, und der Betrachter durchlebt die Erinnerungen und Ängste der alten Mauern und ihrer ehemaligen Bewohner, als seien es seine eigenen.

Wann und wo:
„100 schöne Tote“
Theateraufführung am 5., 6. und 9. Oktober jeweils um 20 Uhr
Ausstellung täglich von 12 bis 20 Uhr noch bis zum 14. Oktober
Nabereschnaja Obwodnogo kanala 60
U-Bahn-Station \"Obwodny Kanal\"
7 812 3631125

Petersburg und Berlin


Hinter dem Theaterraum liegen in einer Ecke aufgereiht weiße Masken – je eine für die 100 schönen toten Häuser. Darauf wird ein Film projiziert, der eine Fahrt mit dem Boot auf dem Moika-Fluss durch die Petersburger Innenstadt darstellt. Eine Hommage an die alten Bauten und eine gruselerregende Überführung auf die „Toteninsel“ zugleich.

In einer anschließenden Fotoausstellung werden Petersburg und Berlin verquickt – die deutsche Hauptstadt hat den Bauboom einige Jahre früher erlebt und möchte dem „Kollegen“ an der Newa etwas von den eigenen Erfahrungen berichten.

Das Projekt ist ein Gemeinschaftswerk von Berliner und Petersburger Künstlern und Schauspielern und gehört zum Programm des Deutschlandjahres in Russland, das in diesem Sommer angelaufen ist. Als Mitveranstalter tritt das Petersburger Goethe-Institut auf.