Von Karsten Packeiser, Moskau. Eine Handvoll Männer, ein eigenwilliges Kamel und ein kläffender Hund ziehen durch die menschenleere Steppe Sary-Ösek. Sie wollen den Bahnarbeiter Kasangap auf einem alten Ahnenfriedhof der Kasachen beerdigen. Doch ein Stacheldrahtzaun um den neuen sowjetischen Weltraumbahnhof versperrt ihnen den Weg. Vor mehr als 20 Jahren beschrieb der kirgisische Schriftsteller Tschingis Aitmatow in seinem Roman „Ein Tag länger als das Leben“ den wohl skurrilsten Trauerzug der Weltliteratur. Am 12. Dezember wird der Geschichten-Erzähler aus Mittelasien 75 Jahre alt.
Aitmatow beschreibt die beeindruckende - für Mitteleuropäer und die meisten Russen – exotische Natur Mittelasiens, in der Menschen und Tiere gelernt haben, sich den oft extremen Verhältnissen anzupassen. Er erzählt davon, wie Jahrhunderte alte muslimische Traditionen mit der zwangsverordneten sowjetischen Moderne zusammenprallen, davon, wie die Helden seiner Romane während dieser Zeitenwende über den Sinn des Lebens und ewige Werte sinnieren. In seinen Werken lässt Aitmatow auch die uralten Legenden wiederaufleben, die seine Großmutter ihm
erzählte.
Vor allem die Erzählung über die Mankurts geht vielen seiner Leser nicht mehr aus dem Kopf. Aitmatow machte die alte Sage über ein langst verschwundenes Reitervolk weltbekannt, das gefangene Feinde durch grausame Folter in willenlose Sklaven verwandelte. Zum Mankurt gemacht erinnerten sie sich nicht einmal mehr an ihren Namen oder ihre Eltern
und waren die wertvollsten aller Sklaven, da sie alle Befehle ihres Herrn erfüllten und nie an Flucht dachten.
Aitmatow kam 1928 in dem kleinen kirgisischen Dorf Scheker zur Welt, zog jedoch bald mit seiner Familie nach Moskau, wo er zweisprachig aufwuchs. Der Vater war ein Funktionär der Kommunistischen Partei und fiel 1937 Stalins großer Terrorwelle zum Opfer. Aitmatows Mutter flüchtete darauf mit ihrem Sohn wieder in das entlegene Heimatdorf. Parallel zum Studium der Veterinarmedizin begann Aitmatow in den 50er Jahren zu schreiben.
Damals gab die so genannte Tauwetter-Periode nach dem Tod Stalins den Intellektuellen vorübergehend etwas mehr Luft zum Atmen. Seinen Weltruhm begründete der Liebesroman „Dschamilja“, Aitmatows Abschlussarbeit am Moskauer Maxim-Gorki-Literaturinstitut. Er ist in
mehr als 20 Sprachen übersetzt. In den folgenden Jahrzehnten entstanden in russischer oder kirgisischer Sprache zahlreiche Novellen und Romane, wie „Abschied von Gülsary“ oder „Der weiße Dampfer“. Gleichzeitig arbeitete Aitmatow als Mittelasien-Korrespondent fur die zentrale sowjetische Parteizeitung „Prawda“.
Nicht alle Werke waren in der Sowjetunion unumstritten. Dass seine Heldin „Dschamilja“ sich in einen Jungen verliebt, während ihr Mann an der Front kämpft, verstieß völlig gegen die sowjetische Moral. Aitmatow jedoch rechtfertigt in seiner einfühlsamen Erzahlung dieses Verhalten. Auch sein eigenes Schicksal versuchte Aitmatow aufzuarbeiten, indem er in seinen Büchern das Leid von Menschen beschrieb, die in den Mühlen des totalitären Staates zugrunde gingen. „Als Leninpreisträger und Teil der Nomenklatura konnte er sich etwas mehr erlauben als andere“, urteilt Natalja
Iwanowa von der Moskauer Literaturzeitschrift „Snamja“. Aitmatow hatte verschiedene leitende Funktionen im offiziellen Schriftstellerverband inne.
Da er in seinen Werken aber nie den Rahmen der sowjetischen Zensur uberschritten habe, bleibe vieles unausgesprochen oder werde lediglich mit Hilfe von Fabeln angedeutet, so Iwanowa. In Russland seien seine Bücher daher „nicht mehr aktuell“. In Deutschland erschien in diesem
Jahr zuletzt das Buch „Du meine Pappel im roten Kopftuch“.
Seit dem Zerfall der Sowjetunion 1991 und der Unabhängigkeit Kirgisiens setzt sich Aitmatow für eine Wiederannäherung der einstigen Teilrepubliken ein. Gleichzeitig ist der Literat längst zum Kosmopoliten geworden, stets unterwegs zwischen der kirgisischen Hauptstadt Bischkek, Moskau und Brüssel, wo er sein Heimatland seit Mitte der 90er Jahre als Botschafter vertritt. Geruchte, die dem Schriftsteller nachsagen, er könne der nachste Prasident Kirgisiens werden, weist er bislang in Interviews weit von sich.
(epd)
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