Montag, 06.05.2013

Außen pfui, innen hui: Neues Mariinski-Theater in Betrieb

Runde Sache: Technisch und akustisch ist das neue Mariinski-Theater top (Foto. Mariinsky.ru)
St. Petersburg. Es gibt sie also doch: ewige Baustellen und Skandalquellen, die eines Tages tatsächlich fertig werden. Jetzt geschehen mit der zweiten Bühne des Mariinski-Theaters, errichtet in zehn Jahren für 550 Mio. Euro.
Was von außen nach der etwa 53. großen Shopping-Mall der Stadt aussieht, birgt im Innern einen Kultur-Raum erster Güte: Gleich hinter dem altehrwürdigen Mariinski-Theater, getrennt nur durch den schmalen Krjukow-Kanal begrüßt seit 1. Mai nun das „Mariinski-2“ Konzertgänger und Opernfreunde. Inzwischen läuft fast jeden Tag eine Vorstellung in dem etwa 2.000 Plätze bietenden Saal.

Am 2. Mai wurde der neue Musentempel in einer Gala-Vorstellung im Beisein von Präsident Wladimir Putin und der Creme de la Creme aus Stadt, Staat und Oligarchie eröffnet. Bei dieser Gelegenheit feierte man auch gleich den 60. Geburtstag des weltweit gefeierten Mariinski-Intendanten Waleri Gergijew, der tags zuvor von Putin den vor kurzem reanimierten Werktätigen-Orden “Held der Arbeit“ erhalten hatte.

Mit der Eröffnung des Mariinski-2 ist der Kultur-Cluster am Theaterplatz noch attraktiver geworden: Gegenüber befindet sich das Konservatorium – und einen Steinwurf weiter an der Uliza Dekabristow auch noch der 2006 eröffnete, ebenfalls von Größe und Akustik her nicht zu verachtende Konzertsaal des Mariinski-Theaters.

Eine Bank? Ein Kaufhaus? Von außen ist das Mariinski-II kein Schmuckstück (Foto: .rufo)

Vom Winde verweht: Perraults Goldmantel


Noch vor zehn Jahren sah es so aus, als würde der geplante Bühnen-Neubau das neue architektonische Wahrzeichen Petersburgs werden: Den ersten hochkarätig besetzten internationalen Architekturwettbewerb der nachsowjetischen Zeit gewann Dominique Perrault mit einem besonders mutigen Entwurf: Er warf dem modernen Theater-Innern aus Beton einen riesigen, aber luftigen Goldmantel über.

Doch der Plan des Franzosen ging nicht auf: Einerseits soll er mit der Petersburger Witterung und den Bodenverhältnissen nicht vereinbar gewesen sein - und auch die russischen Baunormen nebst einigen Kultur-Verantwortlichen legten sich quer. Außerdem versprachen die Kosten ins Unermessliche zu steigen.

"Biodesign": Kanadische Architekten zeigen ihr Können


2008 wurde zwar mit dem Bau begonnen, aber zu diesem Zeitpunkt hatte man Perraults Master-Plan schon zu den Akten gelegt. 2009 gewann schließlich das über die Grenzen Kanadas hinaus bisher wenig bekannte Architekturbüro Diamond & Schmitt aus Toronto einen erneuten Wettbewerb, bei dem es darum ging, auf den Grundmauern ein gutes, aber auch realisierbares Theater zu errichten.

Maestro Gergijew setzte dabei voll auf die Kanadier, denn die hatten unter anderem mit dem Symphonie-Theater von Montreal bereits bewiesen, dass sie elegante Formen und beste Akustik gut unter ein Dach bekommen.

Im Innern, so stellten die erste Besucher dieser Tage fest, gibt es an dem Neubau auch wenig zu kritisieren: Der Zuhörersaal ist hufeisenförmig rund wie im alten Mariinski und verfügt über drei Emporen. Die Akustik sei „digitale Studioqualität“, so die Zeitung „Kommersant“, zwar nicht so exakt wie im dafür hochgelobten Konzertsaal nebenan, aber „gleichmäßiger und fülliger“, was für einen derart großen Saal eher ein Vorteil sei.

Die Innenraum-Gestaltung wird als lakonisches und elegantes „skandinavisches Biodesign“ bezeichnet, was auch für den Foyer-Bereich gelte. Und die sonst bei derartigen repräsentativen Gebäuden in Russland gerne dick aufgetragene Luxus-Schminke kann man allenfalls in den wie Polarlichter von den Decken wabernden Girlanden aus Swarowski-Kristall verorten.

Bühnentechnisch ist das neue Haus ebenfalls auf dem letzten Stand der Dinge: Die hinter und seitlich der Bühne gelegenen Räumlichkeiten erlauben parallel zu den Vorstellungen Proben und Montagearbeiten. Die kompletten Dekorationen für vier verschiedene Aufführungen könnten zeitgleich vorgehalten werden, heißt es auf der Mariinski-Webseite.

Den Clou des Theaters sieht man hingegen nicht: Es ist ein kleines elitäres Amphitheater für 200 Personen – und es befindet sich auf dem Dach.

Architektur von außen für viele enttäuschend


Insofern ist es wohl zu verschmerzen, dass zur Straße hin die Architektur des Baus reichlich nüchtern ausgefallen ist: Als eine Mischung aus „Kaufhaus und McDonalds“ bezeichnete der Architekturkritiker Grigori Rewsin schon 2009 das kanadische Fassaden-Design. Ermitage-Direktor Michail Piotrowski kritisierte das Erscheinungsbild des Kulturtempels, als dieses Jahr endlich der Bauzaun und das Gerüst fielen, schlichtweg als „nichtig“.

Direkt verschandelt wird das Petersburger Stadtbild durch den grauen Klotz nun aber auch wieder nicht – was mit protzigem Pomp eher hätte passieren können.

Also wird man sich alsbald einfach daran gewöhnen, darüber hinweg sehen – und sich an den inneren Werten des Mariinski-Zwo erfreuen.