Freitag, 25.05.2012

Baku: Missklänge beim Grand Prix – vorrangig politisch

Kopftücher und lange Röcke: Russlands udmurtische Babuschki aus Baranowo sind wohl die einzigen ESC-Teilnehmer in Baku, die auch Nachbar Iran sittlich akzeptieren könnte (Foto: newsru.com)
Baku. So viel Polit-Kritik zu einem Eurovision Song Contest wie jetzt in Aserbaidschan hat es noch nie gegeben. Polizeigewalt und Zensur konterkarieren die Partystimmung - während Nachbar Iran sich mit Grausen abwendet.
Ganz Baku ist Musik, aber die Stimmung beim Grand-Prix-Gastgeber Aserbaidschan ist nicht die beste. «Unser Star für Baku» Roman Lob hofft beim Finale des Eurovision Song Contest (ESC) am Samstag auf einen Platz unter den ersten Zehn mit seiner Ballade «Standing Still».

Favoritin im Sängerwettstreit besucht die Alijew-Opposition


Die Clubs der ölreichen Südkaukasusrepublik spielen seinen Song wie den aller 26 Finalisten rauf und runter. Aber Top-Favoritin ist die 28-jährige Loreen aus Schweden mit dem mystischen Popsong «Euphoria» - und ausgerechnet sie bringt nun den autoritären Gastgeber in die Bredouille.

Die für die europäische Musikkrone gehandelte Halb-Marokkanerin hat wohl als einzige ESC-Teilnehmerin eine der vielen Aktionen der Opposition am Rande des Grand Prix besucht.

Singen ist Silber, Schweigen ist Gold


Noch bevor sie bei einer live im aserbaidschanischen Staatsfernsehen übertragenen Pressekonferenz am Freitag auf eine entsprechende Frage dazu antworten konnte, sagte der Moderator, dass alle wegen der Musik nach Baku gekommen seien. So hätte es die umstrittene Führung zumindest gern gehabt; für die TV-Zuschauer wurde die Reporterfrage nach Loreens Treffen mit der Opposition gar nicht erst übersetzt.

Loreen ersparte den Gastgebern einen Affront: «Was ich sagen kann, ist, dass es zwei Seiten von mir gibt, eine ist privat, eine ist die Arbeit, die ich hier tue», sagte sie. Den öffentlichen Fokus wolle sie nur auf der Musik halten.

Insgesamt war dieser ESC zum Ärger des Gastgebers Aserbaidschan so politisch wie keiner vor ihm. Nicht weil etwa der norwegische Sänger Tooji sagte, dass er in Baku dem Iran, seiner früheren Heimat, so nah ist wie seit Jahren nicht mehr und er viele Verwandte wiedersehen konnte. Er sagte, dass er im Iran, wo zum Beispiel Homosexualität unter Todesstrafe steht, politisch verfolgt werde.

Der ESC verschafft auch der Opposition internationale Presse


Nein, dieser Grand Prix war für viele Oppositionelle und Bürgerrechtler vor allem Anlass, Menschenrechtsverstöße im Land selbst anzuprangern. Fast täglich überschatteten neue Festnahmen von Regierungsgegnern sowie Polizeigewalt die Partystimmung am Kaspischen Meer.

Gegen den Willen des herrschenden Regimes setzen sich Aserbaidschaner auch während der Schlager-Meisterschaft für das Recht auf Rede- und Meinungsfreiheit ein, verurteilen Gewalt gegen Journalisten und fordern die Freilassung politischer Gefangener.

Die autoritäre Führung, die die pulsierende Stadt mit zwei Millionen Einwohnern an der Küste in ein schillerndes Lichtermeer verwandelt hat, wies Kritik stets zurück. Der mit harter Hand regierende Präsident Ilham Alijew beteuerte immer wieder, sein Land orientiere sich nach Westen.

Irans Botschafter verlässt das Sünden-Babel


Wie sehr dies wiederum den iranischen Nachbarn verstimmte, zeigte der Abzug von Teherans Botschafter aus Baku während des ESC. Islamisten hatten immer wieder mit Anschlägen gedroht und die westliche Partykultur verurteilt.

Das islamisch geprägte Aserbaidschan sorgte bei dem wichtigsten und größten Kulturereignis seiner Geschichte für beispiellose Sicherheitsvorkehrungen - auch für die vielen Schwulen und Lesben, die traditionell zur ESC-Fangemeinde gehören. Der Grand-Prix sollte eine Visitenkarte werden für weitere internationale Großereignisse in der Ex-Sowjetrepublik.

Olympia-2020 in Baku wird es nicht geben


Neue sind aber zunächst nicht in Sicht: Enttäuscht musste die Elite des Landes hinnehmen, dass mitten im Grand-Prix-Reigen das Internationale Olympische Komitee die Olympia-Bewerbung Bakus für 2020 ablehnte. Nicht wenige Oppositionelle sind dagegen, dass der «mafiöse Familienclan», wie sie die Alijews nennen, solche Großveranstaltungen zur Selbstdarstellung nutzt.

Die Führung in Baku selbst sieht hinter der Kritik eine anti-aserbaidschanische Kampagne des Westens. Der Chefideologe der Präsidialverwaltung, Ali Gassanow, warf der Opposition vor, sich von der «armenischen Lobby» finanzieren und instrumentalisieren zu lassen.

Der Schatten des Karabach-Konflikts


Aserbaidschans verfeindeter Nachbarstaat Armenien blieb dem Song Contest in Baku in diesem Jahr demonstrativ fern. Grund waren die immer wieder aufflammenden Scharmützel um die Kaukasusregion Berg-Karabach. Sie gehört völkerrechtlich zu Aserbaidschan, wird aber seit einem Krieg mit zehntausenden Toten Anfang der 1990er Jahre von Armenien kontrolliert.

Immer wieder nutzte die aserbaidschanische Führung den ESC auch als Bühne, um westliche Gäste auf die Zerrissenheit und die abertausende Flüchtlinge aus Berg-Karabach hinzuweisen. Dabei hatten eigentlich sie die Politik aus dem ESC heraushalten wollen.

(Ulf Mauder, dpa)