Ludmilla Rasschegajewa, eine der Projektkoordinatorinnen im Russischen Museum erklärt das
Mittwoch, 01.06.2005
Digitales Museum für Provinz- und Hauptstädte
St. Petersburg. Das Russische Museum aus St. Petersburg eröffnet heute eine Filiale in der Moskauer Lomonossow-Universität – allerdings nur eine virtuelle: Das Museum samt Kunstschätzen steckt in einem Computer.
Was vor einigen Jahren als Experiment begann, um weit entfernte Städte zu erreichen, erlebt inzwischen einem regelrechten Boom im ganzen Land: Die Nachfrage nach Museumskunst aus dem Computer wächst, und das Russische Museum hegt mit seinen virtuellen Filialen bereits Expansionspläne ins Ausland.
Der virtuelle Rundgang startet vor dem Puschkin-Denkmal – begleitet von Mozarts Trompetenkonzert schwebt die Kamera durch den Park dem Russischen Museum zu.
Ohne eine Eintrittskarte zu lösen, zieht der Besucher in perfekter 3D-Grafik durch das imposante Vestibül hoch und steht, eh er sich versieht, vor Brjullows Gemälde „Der letzte Tag von Pompeji“ samt Bildbeschreibung. Per Mausklick geht es weiter in den nächsten Saal...
Der Computer, dem die DVD „Die virtuelle Welt des Russischen Museums“ alles an Auflösung, Grafikspeicher und Taktfrequenz abverlangt, kommt dabei als einziger ins Schwitzen. Überall, wo er steht, befindet sich auch das Russische Museum.
Das Prinzip ist ganz einfach: Ein großes Kunst-Museum stellt seine Schätze in Form von Programmen und Datenbanken einem kleineren Partnermuseum zur Verfügung. Finanziert durch Sponsoren wird auf Computern so eine virtuelle Filiale eingerichtet, von der Museumsbesucher, Schulen und Universitäten profitieren.
So einleuchtend die Idee heute erscheint, konnte sie doch nur dank langjähriger Erfahrung mit dem Einsatz von Computern im Museum umgesetzt werden. Noch zu Sowjetzeiten begann das Museum, seine Kunstwerke von Karteikarten auf Magnetbänder riesiger Computer zu übertragen.
In den 90er Jahren stieg man in die Entwicklung von Multimediaprogrammen ein. Gleichzeitig erreichte der Bestand des Museums durch die Erweiterung um drei Paläste die Größe von rund 400.000 Exponaten. 1998 wurde dann im Hauptgebäude ein erstes Terminal eingerichtet, auf dem die Sammlung sowie die vier Paläste vorgestellt wurden.
Diese Einrichtung war zunächst nur als Ergänzung gedacht. Doch dann kam – auf Anregung von Museumsbesuchern hin – die Idee auf, außerhalb Petersburgs virtuelle Filialen einzurichten. „Der Gedanke dabei war, dass so auch Leute, die aus wirtschaftlichen Gründen oder wegen der großen Entfernung nicht hierher kommen können, einen Zugang zum Museum haben“, beschreibt Ludmilla Rasschegajewa , einer der Projektkoordinatorinnen, die Ausgangssituation.
Im März 2003 war es soweit: Das AKW-Städtchen Sosnowy Bor erhielt die erste Außenstelle, und noch im selben Jahr kamen Lissi Nos und Nischni Nowgorod hinzu. Heute existieren in zwölf Städten, darunter Samara, Murmansk und Kaliningrad, computergestützte Museen – das jüngste wird am 1. Juni in der Moskauer Lomonossow-Universität eröffnet.
Aus einem Experiment sei ein erfolgreiches Projekt entstanden, meint Rasschegajewa stolz. „Fünf neue Filialen pro Jahr waren geplant, eröffnet wurden aber doppelt soviele.“ Sogar international erregt das Projekt jetzt Aufsehen: Städte in Weißrussland und Estland stehen auf der Warteliste. Andere Museen, wie etwa die Eremitage, ziehen nach, doch der Vorsprung des Russischen Museums ist groß.
Trotz High-Tech: „Erfolg hängt von den Menschen ab“
Das Angebot wird laufend erneuert und beinhaltet neben Computerprogrammen eine vollständige Mediothek mit Lehrmitteln, CDs und DVDs sowie Ausstellungskatalogen. Die Abteilungen für Multimedia und Museumspädagogik haben für ein breites Publikum drei Zonen mit wissenschaftlichen Informationen, Unterrichtsmaterial und einem multimedialen Kino entwickelt und bilden Betreuungspersonal aus. Während Schulen und Universitäten das Museum auf dem Bildschirm kostenlos nutzen, zahlen Museumsbesucher Eintritt, der jedoch dem Standortmuseum zugute kommt.
Aber mit Technik und Kursen ist es nicht getan: „Der Erfolg jeder Station hängt völlig von den Menschen ab, die damit arbeiten“, gibt Rasschegajewa zu bedenken. So lobt sie Petrosawodsk und Saratow für ihre Eigeninitiative – dank der Unterstützung durch Behörden und attraktiven Museumsprogrammen haben diese virtuellen Filialen besonders hohe Besucherfrequenzen. Kürzlich kam sogar eine Internet-Konferenz zwischen dem Museumsdirektor Wladimir Gussew und Studenten aus Saratow zustande.
Solche Aktionen sind zukunftsweisend, denn allmählich sollen die Filialen per Internet miteinander vernetzt werden. Wird sich also in Zukunft ein richtiger Besuch im Russischen Museum erübrigen? „Keine virtuelle Welt ersetzt die Wirklichkeit. Für uns ist das Projekt erfolgreich, wenn die Leute nach dem Besuch in der virtuellen Filiale ins richtige Museum kommen“, antwortet darauf Rasschegajewa.
(eva/SPZ/.rufo)
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