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Opernsängerin Loukianetz in 300 Metern Tiefe (Foto: Grasmuck)
Opernsängerin Loukianetz in 300 Metern Tiefe (Foto: Grasmuck)
Montag, 11.10.2004

Kultur unter Tage: Opernstar sang im Stollen

Von Alexander Grasmuck, Donezk. Wer meint, in 300 Meter Tiefe könne man keine Sopran-Koloraturen erzeugen, irrt: Ein österreichisch-ukrainisches Konzert in einem Salzbergwerk bei Donezk bewies Anfang Oktober das Gegenteil. Plastikumhang und Kunststoffhelm statt Smoking und Abendkleid trugen die rund 300 Gäste – zumindest für die „Talfahrt“ in einem Kabinenlift.

In einem einzigartigen, weil sehr tiefen „Graben“ musizierte Anfang Oktober das neu gegründete ukrainische Donbass-Symphonie-Orchester: Rund 300 Meter hinab ging es in ein Salzbergwerk in Soledar, rund 100 Kilometer nördlich von Donezk. Kühle 14 Grad hatte es dort unten, umgeben ausschließlich von porösen, weißen Wänden.

„Dort unten ist es wie im Nirwana“, zeigte sich Event-Manager Karl Wagner beeindruck, der bereits bei der Generalprobe für das Konzert anwesend war. Und Konstantin Fjodorow, Projekt-Manager von „Sistem Dim“, hob sogar den gesundheitsfördernden Aspekt des Salzbergwerks hervor: „Der Schacht ist gut für Asthma-Kranke und alle jene Patienten, die an Lungenkrankheiten leiden.“

Warm anziehen mussten sich die Opernfreunde für den Weg in die Tiefe (Foto: Grasmuck)
Warm anziehen mussten sich die Opernfreunde für den Weg in die Tiefe (Foto: Grasmuck)
Eingemeißelte Logen

Unten angekommen, kam man zwar nicht ganz in nirwana-artige Zustände, doch die einzigartige Dekoration aus porösen Salzwänden, die von einigen Gemälden ukrainischer Künstler gepickt war, ließ sogar Opernstar Victoria Loukianetz ins Schwärmen geraten: „Der Schauplatz ist für mich heute wie im Märchen.“ Loukianetz hatte nicht Unrecht: Die weißen Innenfassaden ließen regelrechte Schneewittchen-Stimmung aufkommen, und nicht zuletzt dank der eingemeißelten Logen im ersten Stock genossen die Zuseher zugleich Opernambiente.

Nicht dass man glauben muss, in 300 Meter Tiefe könne man – wenn überhaupt – nur Musik hören und für das (für ein wahres Opernhaus) unabkömmliche leibliche Wohl würde nicht gesorgt: Im unterirdischen „Foyer“ kümmerte sich die Wiener Tourismusschule „Modul“ um das Kulinarische. Dieser außergewöhnliche Standort beeindruckte sogar den „kulinarischen Botschafter Österreichs“, Haubenkoch Gottfried Gansterer, der auf der ganzen Welt bereits seine Küchengeheimnisse preisgab (unter anderem zuletzt beim Wiener Ball in Moskau im April):

„In 300 Meter Tiefe habe ich bis jetzt noch nicht gekocht. Welch Mühe es schon war, all die Speisen und Getränke nach unten zu bringen“, meinte Gansterer, während er kräftig im „Erdäpfelgulasch“ rührte. In einem Original-Wiener Kaffeehaus wurde für das Dessert Sachertorte und Melange geboten.

Kurt Schmid: Salz ist ein sehr menschliches Element (Foto: Grasmuck)
Kurt Schmid: Salz ist ein sehr menschliches Element (Foto: Grasmuck)
Die monatelangen Vorbereitungsarbeiten haben sich tatsächlich gelohnt: Der österreichische Handelsdelegierte in Kiew, Christian Gessl, hatte die Idee, das Gebiet Donezk für die alpenländische Wirtschaft schmackhaft zu machen. Der Kulturliebhaber war der Ansicht, dies könne man am besten mittels eines Konzerts bewerkstelligen. Er kannte den Wiener Komponisten und Dirigenten Kurt Schmid, der 2003 Hauptdirigent des Symphonieorchesters der Staatsphilharmonie in Lugansk wurde. Dieser wiederum brachte die ukrainische Operndiva Victoria Loukianetz in das Salzbergwerk. Die beiden lernten sich in Wien kennen, wo Loukianetz in den letzten Jahren immer wieder Gastauftritte hatte.

Der sonore Sopran der Sängerin ließ auch den Donezker Gouverneur Anatoli Blyznjuk trotz der kühlen 14 Grad im Salzstollen so richtig warm werden: „Loukianetz ist nicht nur eine delikate Sängerin, sondern auch eine großartige Schauspielerin“, schmeichelte er der Künstlerin, die nicht nur mit ihrer Stimme, sondern auch Gestik und Mimik glänzte. So sehr, dass das Publikum nicht nur eine Zugabe wollte, sondern sogar nach dem Konzert, als man längst schon in Gansterers Vier-Gänge-Menü vertieft war, noch einige Gesangseinlagen des Belcanto-Stars hören wollte.

Dirigent erobert die Herzen der Ukrainer

Dass die „Erstaufführung unter Tag“ eines Konzerts klassischer Musik zu einem Erfolg wurde, ist wahrlich vor allem ihr und dem Dirigenten Kurt Schmid zu verdanken. Gelang es Letzterem, sich dank eines auf den Veranstaltungsort zugeschnittenen Repertoires sowie einer von viel Verve geprägten Stabführung sich in die Herzen der ukrainischen Musikliebhaber zu dirigieren, so glänzte Erstere durch solide Stimmführung in höchster vokalistischer, wenn auch tiefster geologischer Lage:

„Ich hatte befürchtet, auf Grund der kalten Luft während der Aufführung husten zu müssen. Doch ich habe dann nur an die Kunst gedacht und war zu sehr auf das Singen konzentriert, als dass ich Hustreiz verspürte“, äußerte sich die Künstlerin nach dem Konzert erleichtert. Dass trotz der niedrigen Temperaturen im Salzschacht der Sopranistin Stimmbänder nicht zu rosten begannen, zeigten vor allem die perfekt gemeisterten Königin der Nacht-Koloraturen in der Arie „Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen“ aus der „Zauberflöte“.

Bei Russland-Aktuell
• Diplomatisches Parkett auf dem Lkw-Deck (6.10.2004)
Maestro Schmid hingegen zeigte viel Einfühlungsvermögen bereits bei der Programmkomposition. Seit 2003 arbeitet er in der Ukraine. Er avancierte somit zu einem Kenner der ostslawischen Seele. Er weiß, dass das ukrainische Publikum neben berühmten Opern-Arien mit Walzer- und Polkaklängen von Johann Strauss („Frühlingsstimmen“, „Rosen aus dem Süden“; „Tritsch-Tratsch“-Polka) genauso sehr zu vereinnahmen ist wie mit Lehar-Operetten („Giuditta“) und slawischen Melodien von Miroslaw Skorik über Georgi Swiridow bis hin zu Gulak-Artemowski.

„Salz ist ein sehr menschliches Element“, freute sich Schmid noch vor seinem ersten Auftritt in einer Salzhalle. Um nach der Aufführung zuzugeben: „Ich habe 50 Jahre Konzerterfahrung. Doch was ich heute hier erlebt habe, hat alles Bisherige in den Schatten gestellt.“ Man hat`s an seiner Virtuosität beim Dirigieren gemerkt. So sehr, dass auch der österreichische Botschafter in Kiew, Michael Miess, nicht umhin kam zu resümieren: „Schmid, nicht nur ein hervorragender Dirigent, sondern auch ein Showman.“ Doch nicht nur Künstler, Köche und Gäste konnten an diesem verregneten Oktober-Tag zufrieden ihre Rückreise antreten. Die wahren Gewinner sind wohl die unzähligen Straßenkinder in der Ukraine, denen der Reinerlös der Veranstaltung zukommt.


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