Dienstag, 13.03.2012

Leipziger Buchmesse: Literatur aus Ukraine und Belarus

Bücher aus Polen, Weißrussland und der Ukraine sind das Schwerpunktthema der diesjährigen Leipziger Buchmesse (Foto: leipziger-buchmesse.de)
Leipzig. In der Ukraine und Weißrussland sind Autoren auch 20 Jahre nach dem Ende der UdSSR Widrigkeiten ausgesetzt. Während die einen aber zumindest frei arbeiten können, beklagen die anderen noch immer Zensur.
"tranzyt. Literatur aus Polen, der Ukraine und Belarus" lautet ein Programmschwerpunkt der Leipziger Buchmesse, die am Donnerstag eröffnet. Lesungen und Buchpräsentationen bringen die drei östlichen Nachbarländer den Literatur-Fans näher. Alle drei Länder werfen auf der Buchmesse damit ganz unterschiedliche Schlaglichter auf postkommunistische Gesellschaften. Zur Einstimmung soll hier die Literaturszene der beiden Ex-Sowjetrepubliken etwas näher beleuchtet werden.

20 Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion ist die Ukraine, das flächenmäßig zweitgrößte Land Europas, nach den Erfahrungen der demokratischen Orangenen Revolution auch in der Literatur weiter auf der Suche nach sich selbst. Im autoritär geführten Weißrussland (Belarus) hingegen arbeiten Schriftsteller weiter unter zensurähnlichen Bedingungen wie zu Sowjetzeiten, als staatstreue Literaten Privilegien genossen, echtes Talent aber bisweilen nur im Untergrund überleben konnte.

In beiden früheren Sowjetrepubliken geht es den Autoren aber vor allem auch um die Pflege der eigenen slawischen Wurzeln und Sprache - in Abgrenzung zum immer noch verbreiteten Russisch.

Ukraine: Bücher gibt es online - honorarfrei


Die Ukraine, beklagen viele ihrer Autoren, bietet als Literaturland mit den rund 45 Millionen Einwohnern wegen der verbreiteten Armut wirtschaftlich schlechte Bedingungen. Die meisten Leser laden sich Bücher - wie sonst auch Filme und Musik - im Internet herunter. Oft haben Titel nur geringe Auflagen, viele Autoren verkaufen nur etwa 200 Bücher im Jahr. Nach Angaben der ukrainischen Zeitschrift «Focus» kommen auf zwei ukrainische Titel in den Regalen der Buchgeschäfte acht übersetzte Werke.

Als Autoren mit einer zunehmend soliden Leserschaft gelten allerdings Serhij Zhadan, Natalka Snjadanko, Irena Karpa und Ljubko Deresch. Sie beschreiben die ukrainische Gegenwart und die Alltagsschwierigkeiten ihrer Landsleute und haben damit auch international Erfolg. Von Zhadan erscheint zu der in Polen und der Ukraine ausgetragenen Fußball-Europameisterschaft 2012 der Erzählband «Totalniy Futbol - Eine polnisch-ukrainische Fußballreise».

Ukrainische Texte sind salonfähig


«Bei den jungen Leuten, die in den 1990er Jahren erwachsen geworden sind, erzeugt die ukrainische Sprache schon kein Befremden mehr», sagte der Präsident der Ukrainischen Vereinigung der Verleger und Buchverkäufer, Alexander Afonin, im «Focus». Ältere Ukrainer bevorzugen etwa den Postmodernisten Juri Andruchowytsch («12 Ringe», 2005). Als ein Klassiker der ukrainischen Literatur gilt etwa Lina Kostenko, deren Schaffen auch zur Schullektüre zählt.

In 35 Sprachen übersetzt ist der Erzähler Andrej Kurkow mit seinen surrealistischen Darstellungen der postsowjetischen Realität in Werken wie «Picknick auf dem Eis» (2000). In Leipzig soll der 50-Jährige sein Buch «Der Gärtner von Otschakow» vorstellen. Seine Altersgenossin, die Philosophiedozentin Oksana Zabuzhko («Feldstudien über ukrainischen Sex», 2006), will in Leipzig ihren Erzählband «Planet Wermut: Essays» präsentieren.

Belarus: Entweder mit oder gegen Lukaschenko


Beim ukrainischen Nachbarn Weißrussland dagegen beklagen die Autoren vor allem Gängeleien, wenn sie nicht Mitläufer im System von Präsident Alexander Lukaschenko sind, den Menschenrechtler als den «letzten Diktator Europas» bezeichnen. Wladimir Nekljajew etwa, der bei der Präsidentenwahl gegen Lukaschenko angetreten war, saß eine Zeitlang als Regimegegner im Gefängnis. Er ist wie andere unabhängige Autoren Mitglied im Verband belarussischer Schriftsteller.

Als Talente zeitgenössischer Literatur gelten nicht zuletzt Artur Klinow, Natalka Babina und Marylka Martysewitsch. Ihre Werke werden kaum verlegt. Auch staatliche Literaturzeitschriften und -zeitungen drucken ihre Arbeiten nicht. Offizielles Organ ist der Verband der Schriftsteller Weißrusslands, den der ehemalige Polizeigeneral Nikolai Tscherginez anführt.

Der Verband gilt als Heimat von staatstreuen Autoren, die kaum bekannt sind, aber finanzielle Vergünstigungen des Regimes in Anspruch nehmen - und eher auf Russisch als in belarussischer Sprache schreiben.

(Andreas Stein und Gennadi Kesner, dpa)