Montag, 12.09.2011

Lesetipp: Auf Spurensuche im Gebiet Kaliningrad

Stephanie Kuhlmann lässt ihre Romanheldin im Gebiet Kaliningrad auf Spurensuche gehen
Moskau. Stephanie Kuhlmann hat mit ihrem Buch „Hoffnung heißt Nadeschda“ das große Feld der Nachkriegsgeschichte betreten und versucht eine zutiefst persönliche Aufarbeitung des noch bei weitem nicht ausgeschöpften Themas.
Die Ich-Erzählerin Sarah ist auf der Suche nach den Spuren ihrer Familie, ihres Vaters, zu dem sie ein sehr inniges Verhältnis hatte. Zusammen mit ihrem Ehemann Georg reist Sarah mit einem litauischen Mietwagen über die Kurische Nehrung nach Russland, genauer gesagt ins ehemalige Ostpreußen, das heutige Gebiet Kaliningrad, wo ihr Vater aufwuchs. Beide müssen ohne Russischkenntnisse auskommen.

Verflechtung von Vergangenheit und Gegenwart


Während der Reise verflechten sich die eigenen Kindheitserlebnisse Sarahs mit den frischen Eindrücken von Land und Leuten. In ihrer behüteten Kindheit erfuhr sie viel über die Jugendjahre ihres Vaters in Ostpreußen, über die Ausflüge mit seiner Mutter nach Insterburg (heute Tschernjachowsk) und die Flucht im November 1944 aus seinem Heimatort Waldhausen, der heute Bereschkowskoje heißt.

Am dichtesten und spannendsten wird die Handlung, wenn Sarah auf die Suche nach dem Elternhaus ihres Vaters geht, das sie von Postkarten, Fotos und aus den Erzählungen des Vaters kennt. Die Ungewissheit und die wachsende Spannung, ob das Haus noch steht oder nicht, überträgt sich auf den Leser.

Das Elternhaus eine Ruine


Das Haus steht nicht mehr, nur eine Ruine empfängt Sarah und Georg. Sie ist ganz versessen auf etwas Bleibendes, etwas Materielles von diesem Ort. Einen Kochtopfdeckel, einen Eierschneider und einen eisernen Haken erbeuten sie schließlich.

Lesung:
Autorenlesungen finden am 2. November 2011 um 19.00 Uhr im Ostpreußischen Landesmuseum in Lüneburg und am 24. November 2011 ebenfalls um 19.00 Uhr im Kulturschloss in Hamburg-Wandsbek ( Königsreihe 4) statt.
Diese Gegenstände in der Hand zu halten bedeutet für sie sehr viel: Das Nachempfinden der Flüchtlingsschicksale, dass sie nur mitnahmen, was sie tragen konnten und was sie auf dem Leib trugen.

Keine Besitzansprüche auf das alte Gut


Alles andere musste zurück bleiben oder wurde vergraben. So tat es auch Sarahs Großmutter. Das gute Porzellan wurde in einer Truhe im Garten vergraben. Die Suche nach der vergrabenen Truhe ist ein Höhepunkt der Handlung. Die beiden finden das Porzellan und stellen es dem Museum zur Verfügung, somit die Annahme der eigenen Geschichte verdeutlichend.

Ohne Besitzansprüche sind Sarah und Georg in das Gebiet Kaliningrad gekommen. Mit der Übereignung des wertvollen Services wird das Bestreben nach offenen und freundschaftlichen Beziehungen mit den Menschen in dieser Region verdeutlicht. Sie möchten wieder kommen dürfen, um so ihrer Vergangenheit nah sein zu können.

Der Roman bereichert zweifellos die nicht durch Überfluss glänzende deutsche Bücherlandschaft, die sich mit dem Gebiet Kaliningrad/Ex-Ostpreussen beschäftigt, ist jedoch über weite Strecken zu problemlos und glatt gebügelt.

Die Autorin stellt ihre literarischen Helden in ein ausnahmslos positives Umfeld. Die beiden Helden Sarah und Georg bewegen sich bei ihrer Spurensuche auf widerspruchslosem und freundschaftlichem Terrain. Hier mangelt es Stephanie Kuhlmann an Realitätsbezogenheit, sie begräbt alles unter einem rosa Zuckerguss.


Die russische Übersetzung dieses Artikels ist hier >>>