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James Joyce in Moskau: Polina Kutepowa in der Rolle der Molly Bloom (foto: Fomenko-Theater)
James Joyce in Moskau: Polina Kutepowa in der Rolle der Molly Bloom (foto: Fomenko-Theater)
Donnerstag, 19.02.2009

Theaterpremiere: “Ulysses” auf Moskauer Bühne

Moskau. Den Roman “Ulysses” von James Joyce meiden wegen Unlesbarkeit sowohl Leser als auch Theaterregisseure. Unter den international wenigen Aufführungs-Orten des Werks ist nun auch das Theater Masterskaja Fomenko.

Links von der Bühne befindet sich eine große Wanduhr. Während der Vorhang aufgeht und sich in grünlicher Beleuchtung auf der Bühne feine Kontouren eines turmförmigen Gestells abzeichnen, kommt ein Mann und dreht den Zeiger: Es ist 8 Uhr morgens, und am Martello-Turm in Dublin taucht in einem Gespräch mit seinem Studienfreund zuerst der jüngere der beiden Haupthelden von “Ulysses”, der Lehrer und Poet Stephen Dedalus, auf.

Die Schatten der Bühnenausstattung gestalten auf der Hinterwand zugleich einen Blick vom Martello-Turm auf den Hafen, mit unscharfen Silhouetten der Masten und Kaigitter im Morgendunst.

Dublin wie aus dem Adressbuch


Der Bloomsday, der im “Ulysses” beschriebene Tag des Werbeagenten Leopold Bloom am 16. Juni 1904, wird im Theater Masterskaja Petra Fomenko möglichst vollständig und textnah geschildert, insgesamt in 18 Kapiteln.

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Die visuelle Darstellung der Stadt Dublin nimmt dabei einen auffallend wichtigen Platz im Stück ein. Denn nach Joyce‘ Worten suchte er alle Handlungsorte für den Roman in einem Adressbuch von 1904 aus. Und die Beschreibung sei so präzis, dass ganz Dublin, wenn es einmal dem Erdboden gleichgemacht würde, nach seinem Buch wiederhergestellt werden könnte.

Als einzige Dekos werden aber nur zwei leichte, drehbare Metallkonstruktionen mit Wendeltreppe und einer Turmkarkasse verwendet. Dank geschickter Beleuchtung verwandeln sich die Gestelle jedoch mal in eine gotische Kirche oder den Hafen, mal in einen städischen Platz, ein Bordell oder ein Büro.

Bezug auf Odyssee nicht vernachlässigt


Die Parallele zwischen dem Werk von Joyce und der Odyssee wird ebenfalls gezeigt. Über den einander ablösenden “Dublin-Ansichten” schwebt unter dem Dach immer ein antiker Dreiecksgiebel. In der Szene “Kalypso”, als Bloom sich in seiner Küche Frühstück zubereitet, fährt der Fronton plötzlich runter auf die Bühne – und wird zum Kopfende des Bettes, auf dem gerade Blooms Frau Molly langsam aufwacht.

Eindrucksvolle Bilder trotz sparsamer Kulisse: Leopold Bloom sieht einen Traum (Foto: Theater Fomenko)
Eindrucksvolle Bilder trotz sparsamer Kulisse: Leopold Bloom sieht einen Traum (Foto: Theater Fomenko)
Im letzten Kapitel des Spiels, “Penelope”, wenn Bloom nach der tagelangen Odyssee durch seine Gedanken und Eifersuchtsanfälle betrunken nach Hause zurückkommt, ist Molly (Polina Kutepowa), zum zweiten Mal vor dieser altgriechischen Bettlehne zu sehen. Ihr bei Joyce 60seitiger Monolog wird auch im Spiel eine der längsten, aber auch beeindruckendsten Szenen.

Die riesige Zahl der handelnden Personen im Roman wird im Stück von nur neun Schauspielern dargestellt. Außer den Hauptdarstellern Anatoli Gorjatschew (Bloom) und Juri Butorin (Stephen Dedalus) erscheinen alle, darunter auch Kutepowa, in mehreren Rollen.

Viele Zuschauer werden nach dem zweiten Akt gehen


Der als Buch schwer zu lesende Gedankenstrom der Haupthelden ließ sich in Dialoge und Handlung gut umgestalten. Das einzige, was von einem Theaterabend im Fomenko-Theater abschrecken kann, ist die Spieldauer: Einschließlich der beiden Pausen dauert das Stück sechs Stunden.

Regisseur Jewgeni Kamenkowitsch gab in einem Interview nach der Premiere zu, er sei sich bewusst, dass viele Zuschauer schon nach dem zweiten Akt gehen werden. Eine volle Fassung des Ulysses in drei Stunden zu quetschen, wäre aber eine Untat, meint er.

Bei der Moskauer Premiere handelte es sich um die erste Aufführung des weltbekannten Joyce-Werks in Russland. Einer der Gründe dafür ist es, dass eine Übersetzung von „Ulysses“ ins Russische erst in den späten 1980er Jahren erscheinen konnte.

Die ersten Übertragungs-Versuche in den 30er waren nicht zustande gekommen, weil die damaligen Übersetzer während der Repressionen ums Leben kamen.



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