Mittwoch, 04.01.2006

Einseitige Parteinahme im Gaskonflikt Russland-Ukraine?

Sehr geehrter Gisbert Mrozek,
ich lese Ihre Seiten sehr gern, weil ich früher und auch heute viel in Russland, der Ukraine und auch in anderen Ländern der einstigen UdSSR zu tun habe. Meist versuchen Sie und Ihre Kollegen auch durchaus erfolgreich sachlich und relativ objektiv zu berichten. Im sogenannten Gaskrieg indes scheint Moskau doch ziemlich stark auf Sie abgefärbt zu haben.
Ihre Argumentation, dass der ukrainische Präsident Juschtschenko den Wahlkampf unter der Gasmaske angezettelt habe, ist ziemlich dünn und lässt doch einiges an Überzeugungskraft vermissen. Ich vermisse auch den Versuch Ihrerseits – und ein Journalist sollte das wenigstens versuchen – sich in die Lage auch der zweiten Partei an diesem Streit zu versetzen.

Aus Sicht der Ukraine sieht das alles nämlich genau umgekehrt aus: Der russische Präsident versuchte über Gasprom (niemand wird wohl ernsthaft bestreiten wollen, dass diese Firma eine der schärfsten Wirtschaftswaffen Putins ist) den Wahlkampf in der Ukraine zu beeinflussen, nebenbei die ukrainische Wirtschaft an den Rand des Ruins zu treiben und so seinen alten Freund Janukowitsch auf dem Wege der Parlamentswahlen wieder an die Regierungsspitze zu hieven.

Wie ist sonst zu erklären, dass ausgerechnet die Ukraine 230 Dollar für 1000 Kubikmeter Gas zahlen sollte, andere Länder wie Armenien, Georgien nur 110. Was ist eigentlich der Weltmarktpreis, wenn Turkmenien, Kasachstan und Usbekistan viel weniger verlangen?

Und ich lese bei Ihnen gar kein Wort darüber, dass zwischen der Ukraine und Russland ein Vertrag über Billiggaslieferungen besteht, der bis 2009 gültig ist. Ich will auch gar nicht näher eingehen auf die Spielchen, die Gasprom mit seinem massiven Aufkauf von turkmenischem Gas gemacht hat, um die Lieferungen von Erdgas aus Turkmenien an die Ukraine zu blockieren. Das alles sind doch eindeutige Zeichen.

Das zweite Problem ist doch, dass Gasprom die Kontrolle über die Transitleitungen, am besten die Leitungen ganz übernehmen wollte. Ihr Gedanke, Herr Mrozek, dass die Ostsee-Pipeline ein Beispiel für die Transitleitungen durch die Ukraine seien, ist doch geradezu lachhaft. Was ist den das für ein Unternehmen, die NEGPC? Das müssten Sie eigentlich wissen.

Wenn schon ein internationales Konsortium, dann müsste es eins zwischen der Ukraine, Russland und der EU sein. Ich denke, das wäre ein echter Vorschlag.

Ich denke wir sollten es der Ukraine und speziell ihrem Präsidenten danken, dass er ernsthaft Widerstand geleistet hat. Der nun geschlossene Kompromiss ist doch in erster Linie eine glatte Niederlage von Gasprom. Und unter Umständen sind nun schlafende Hunde in Westeuropa geweckt, die merken, man kann auch mit dem so allmächtig erscheinenden Gasmonopolisten faire Preise aushandeln. Dafür bedarf es , mit Verlaub, nur etwas mehr Arsch in der Hose.

Noch eine Bemerkung zu dem Geld, dass Russland doch so dringend braucht, damit es seinem Volk zugute kommen kann. Das mag vielleicht auf Moskau, St.Petersburg und einige Zentren im Ural zutreffen. Aber am wichtigsten ist es doch für Putin, das Geld in die Rüstung zu stecken, damit Russland wieder als Weltmacht gesehen werden kann. Schauen Sie doch in den großen Rest von Russland, da leben ganze Regionen ohne Erdgas und Elektrizität, weil alles marode und verfallen ist.

Für die meisten Moskauer ist Russland natürlich nur die Hauptstadt, das ist nicht neu. Aber Sie als Korrespondenten müssen es doch besser wissen.

Trotzdem wünsche ich Ihnen und Ihrem Team ein gutes Neues Jahr.

Hajo Obuchoff

Zum Artikel: Ukraine: Wahlkampf unter der Gas-Maske beginnt
Kommentar des Autors: Die Gaspreise sind tatsächlich politische Preise - für die Ukraine, Weißrussland und Russland selbst, aber anders, als meist vermutet