Dienstag, 23.02.2021

Russland Geschichte: Heldentag oder Deportationstag?

Moskau. Der 23. Februar wird in Russland traditionell als Feiertag begangen. Früher „Tag der Sowjetarmee“, heute offiziell „Tag der Vaterlandsverteidiger“ genannt, gilt der Tag inoffiziell als „Männertag“ und als hervorragender Anlass zum Feiern. Verdrängt wird dabei, dass an diesem Tag 1944 Stalins Massendeportationen im Kaukasus begannen.
Verdrängt wird auch, dass der 23.2.1918 keineswegs – wie Stalin behauptete – der Tag des ersten Sieges der Roten Armee war.

In dem „Kurzen Lehrgang der Geschichte der KPdSU“, als deren Autor Stalin persönlich gilt, heißt es, am 23. Februar 1918 sei es einer Abteilung revolutionärer Matrosen gelungen, den Vormarsch deutscher Reichswehrtruppen auf Petrograd bei Narwa zu stoppen: „Der Tag der Abwehr der Truppen des deutschen Imperialismus wurde so zum Geburtstag der jungen Roten Armee."
In der UdSSR wurde der erste Volkskommissar der Kriegsflotte, Pawel Dybenko, der die Matrosen angeführt hatte, als Held gefeiert. Tatsächlich entging Dybenko damals nur mit Hilfe seiner Frau der standrechtlichen Erschießung, weil seine Einheit geflohen war.

Der angebliche erste Sieg der Roten Armee fand nur auf dem Papier der Stalinschen Parteigeschichte statt


Nach den gescheiterten Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk waren deutsche Divisionen, die noch nicht an die Westfront verlegt worden waren, zum Angriff übergegangen und konnten überall fast unbehindert vorstoßen.

Die Prawda schrieb am 27. Februar: „ Pskow wurde von schwachen deutschen Kräften eingenommen. Die Stadt hätte sich halten können, wenn sie Widerstand geleistet hätte.“

Lenin beklagte, dass die Kämpfe zwischen dem 18. und 24. Februar bewiesen hätten, dass Widerstand zwecklos ist und der Friedensvertrag unterzeichnet werden müsse. „Eine Woche der Kämpfe mit den Deutschen, vor denen unsere Truppen die Flucht ergriffen, hat dies deutlich genug unter Beweis gestellt“, schrieb Lenin damals.

Keine Ausnahme machte damals auch die Matrosenabteilung bei Narwa. Volkskommissar Dybenko wurde vor ein revolutionäres Kriegsgericht gestellt. Er wurde nur darum nicht erschossen, weil sich seine Frau für ihn einsetze – Alexandra Kollontai, die damals zur Führung der Bolschewiki gehörte.

Berija organisierte am „Tag der Sowjetarmee“ 1944 die Deportation der Tschetschenen und Inguschen


In der Nacht auf eben diesen Tag im Jahre 1944 organisierte Stalins Geheimdienstchef Lawrenti Berija die Deportation der Völker der Tschetschenen und Inguschen, die teilweise mit Hitlers Wehrmacht kooperiert hatten. Wie Zeitzeugen berichten, hatten Tschetschenen in Erwartung des Vorstoßes der Wehrmacht nach Grosny bereits ein Weißes Pferd ausgesucht, auf dem Hitler in die Stadt einreiten sollte.

Nach Mittelasien deportiert wurden etwa 450.000 Menschen. Von ihnen starben 1.272 unterwegs. Zwischen 1944 und 1953 kamen insgesamt 73.000 an den Strapazen der Zwangsarbeit auf kasachischen Plantagen und in den Bergwerken von Karaganda zu Tode – wo sie zusammen mit den bereits früher deportierten Russlanddeutschen eingesetzt wurden.

Markthalleneinsturz in Moskau

In der jüngsten russischen Geschichte hebt sich der 23. Februar durch den Einsturz des Basmannaja-Marktes in Moskau hervor. 2006 kamen dabei 66 Menschen ums Leben, mindestens 32 wurden verletzt.


Die Halle wurde abgerissen, an ihrer Stelle sollte ein Bibliotheksgebäude entstehen. Zurzeit wird der leere Platz allerdings als Parkplatz für abgeschleppte Fahrzeuge genutzt.
(gim/.rufo)



Mehr über Russlands Geschichte im Russland-Aktuell-Lexikon >>>

Die Lage an den Fronten des II.Weltkrieges >>>