Mittwoch, 25.10.2006

Politkowskaja-Mord: Spuren führen nach Sibirien?

Blumenberge am Tatort widerlegen Putins Behauptung, Politkowskaja habe in Russland keinen Einfluss gehabt (Foto: Packeiser/.rufo)
Moskau. Die Staatsanwaltschaft hat nach eigenen Angaben bei den Ermittlungen gegen die Mörder von Anna Politkowskaja erhebliche Fortschritte verbuchen können. Die Spuren führen nach Sibirien – oder Tschetschenien.
„Uns sind die Motive der Tat bekannt“, erklärte der stellvertretende Generalstaatsanwalt Alexander Buksman, ohne Einzelheiten zu nennen. Die Tageszeitung „Kommersant“ berichtete, die Ermittler im Fall Politkowskaja seien in der vergangenen Woche in nahezu kompletter Besetzung ins sibirische Nischnewartowsk geflogen.

Politkowskaja brachte kriminellen Polizisten hinter Gitter


Dieser Umstand deutet darauf hin, dass die Fahnder offenbar eine Gruppe ehemaliger Milizionäre aus der Stadt mit der Tat in Verbindung bringt. Politkowskaja hatte einen aus dem westsibirischen Autonomen Bezirk der Chanten und Mansen nach Tschetschenien entsandten Polizei-Offizier vor Gericht gebracht. Sie hatte in ihren Zeitungsberichten nachgewiesen, dass die Männer einen tschetschenischen Zivilisten gefangengenommen und ermordet hatten.

Einer der Täter wurde inzwischen zu einer elfjährigen Gefängnisstrafe verurteilt, mehrere seiner Polizisten-Komplizen werden noch per Haftbefehl gesucht. Weil Politkowskaja nach der Veröffentlichung ihrer Artikel über die Verbrechen Morddrohungen erhielt, wurde sie zeitweise unter Polizeischutz gestellt und von ihrer Redaktion sogar mehrere Monate lang im Ausland versteckt. Nach Angaben des „Kommersant“ waren mehrere der zur Fahndung ausgeschriebenen kriminellen Milizionäre unlängst in ihrer Heimatstadt gesehen worden.

Strafverfahren auch wegen Kadyrow-Video?


Unterdessen wurde bekannt, dass als Reaktion auf einen Artikel der getöteten Journalistin ein Strafverfahren gegen Kämpfer aus der Privatarmee des tschetschenischen Premierministers und De-facto-Machthabers Ramsan Kadyrow eingeleitet wurde.

Grundlage für die Ermittlungen seien Videoaufnahmen, die Übergriffe von Kadyrow-Kämpfern auf russische Soldaten zeigen, sagte der stellvertretende Chefredakteur von Politkowskajas Zeitung „Nowaja Gaseta“, Sergej Sokolow, in einem Rundfunkinterview.

Pikantes Detail der Aufnahmen, die mit einem Fotohandy gemacht wurden: An den Misshandlungen der russischen Soldaten nimmt auch ein Mann teil, der Kadyrow sehr ähnlich sieht. Politkowskaja hatte den Fall im Frühjahr publik gemacht.

Trotz aller Abneigung der russischen Führung gegenüber ihrer Tschetschenien-Berichterstattung habe Politkowskaja in vielen Fällen derart offenkundige Verbrechen beschrieben, dass die Behörden Ermittlungen aufnahmen. Insgesamt 39 Strafverfahren seien in den vergangenen Jahren auf Grundlage von Politkowskajas Artikeln eingeleitet worden, sagte Sokolow.

Anna Politkowskaja hatte in einem ihrer letzten öffentlichen Auftritte bereits angekündigt, gegen Kadyrow persönlich werde im Zusammenhang mit dem „Verschwindenlassen“ von Zivilisten in Tschetschenien ermittelt. In einem der Verfahren werde sie offiziell als Zeugin aufgeführt, erklärte die Journalistin in einem Interview mit „Radio Liberty“.

Politkowskaja machte keinen Hehl daraus, dass sie gegenüber dem Moskau-treuen Tschetschenen-Premier Kadyrow eine tiefe persönliche Feindschaft empfand: „Ich träume davon, dass er auf der Anklagebank Platz nimmt“, sagte sie zwei Tage vor ihrer Ermordung.

Nach dem Mord hatte die „Nowaja Gaseta“ erklärt, hinter der Tat stünden entweder Kräfte aus der Umgebung Kadyrows oder dessen innertschetschenische Rivalen, die ihm das Verbrechen in die Schuhe schieben wollten. Kadyrow selbst hatte sich von dem Mord distanziert. Politkowskaja habe ihn nicht an seiner Arbeit gehindert, außerdem sei es unvorstellbar für ihn, Konflikte mit einer Frau durch Gewalt zu lösen.

(epd/kp/.rufo)