Serien made in Russia. Die russische Fernsehlandschaft (4)
Von Karsten Packeiser, Moskau. Ein westlicher Russland-Reisender wird, wenn er in Moskau oder Sankt Petersburg den Fernseher einschaltet, viel Altbekanntes finden. Doch die russischen Kanäle ahmen nicht nur Programme und Fersehserien nach, die sich in Europa oder den USA bereits mit den entsprechenden Quoten erfolgreich bewährt haben. Mit teils kuriosen Eigenproduktionen treffen sie den Zeitgeist der Nachperestroika-Gesellschaft und den Geschmack der Zuschauer. Ähnlich wie in Deutschland nomadieren viele erfolgreiche Programme von einem Sender zum anderen.
Die russische Film-Branche war nach dem Zerfall der Sowjetunion und dem Beginn der schweren Wirtschaftskrise ebenfalls weitgehend zusammengebrochen. In letzter Zeit werden für das Fernsehen nun wieder mehr Filme produziert, vor allem, seit die TV-Importe nach der drastischen Rubelabwertung im August 1998 über Nacht sehr teuer geworden waren. „Vaterländische“ Fernsehserien sind bei den Zuschauern wieder gefragt, wobei in Russland normalerweise bereits mehrteilige Fernsehfilme als Serie bezeichnet werden. Jahrelange Endlos-Serien a la „Lindenstraße“ haben die russischen Studios bislang noch nicht produziert.
Muschskaja Rabota
In jüngster Zeit wird gerne der Tschetschenienkrieg als Schauplatz der Abendunterhaltung gewählt. In der Kriegsserie „Speznas“ („Spezialeinheit“, zurzeit Wiederholung bei STS) etwa ist die Welt noch in Ordnung. Tapfere Kämpfer eines russischen Sonderkommandos befrieden unter Einsatz ihres Lebens die Rebellenrepublik. Die Bergwelt des Kaukasus ist wunderschön, der Feind heimtückisch und gefährlich, deshalb wird er gewöhnlich ohne vorherigen langen Prozess vernichtet. Die Musik zu der erfolgreichen Fortsetzungsserie stammt von der patriotischen Rockgruppe „Ljube“, die Tschetschenien nicht nur vom Hörensagen kennt, da sie immer wieder für die im Kaukasus eingesetzten Soldaten Konzerte gibt.
Der Staatskanal „Rossia“ zeigt unterdessen mit „Muschskaja Rabota“ („Männerarbeit“) eine weitere Tschetschenien-Serie unter der Regie von Tigran Keosajan, die ursprünglich bei NTW lief. Drei ehemalige sowjetische Elitekämpfer, zwei Russen und ein Tschetschene landen während des Krieges als Söldner auf den gegnerischen Seiten der Front. Einer von ihnen, der für die Rebellen kämpft, erhält von einem an Ben Laden erinnernden Top-Terroristen immer wieder große Geldsummen, um Terroranschläge zu verüben. Seine einstigen Kampfgefährten versuchen, dies zu verhindern.
Straße der eingeschlagenen Laternen (Foto: rUFO)
Die „Uliza rasbitych fonarej“ zeigt die Mitarbeiter einer Sankt Petersburger Mordkommission als liebenswert menschliche, aber unbestechliche Ermittler. Die „Bullen“ sind außerdem ein Projekt, das vermutlich mehr zur Ehrenrettung der russischen Miliz beigetragen hat, als sämtliche Innenminister der Nachkriegszeit. Die Polizei ist in der Serie kein Trupp korrupter Bösewichter, der sich von der Mafia nur durch den Waffenschein unterscheidet, als der sie von weiten Bevölkerungsschichten inzwishen wahrgenommen wird. Die Fernsehzuschauer können sich vielmehr überzeugen: In dem Amtsstuben arbeiten echte Ordnungshüter. Die Mordkommission, dein Freund und Helfer.
Gleichzeitig bleiben die Geschichten vor den historischen Kulissen der nördlichen Hauptstadt Russlands realistisch. Die Büros, in denen der sympathische Kommissar Larin (Alexej Nilow) und seine Kollegen arbeiten, warten seit Jahrzehnten auf eine Renovierung. Die Kriminalpolizisten sitzen auf zerschlissenen Stühlen, können nicht richtig mit dem Computer umgehen und fahren einen alten „Wolga“, bei dem die Tür nicht mehr vernünftig schließt. Im Sommer kommandiert der Abteilungschef seine Mitarbeiter auf die Datscha, damit sie ihm die Beete umgraben. Auch die Tatorte sind den russischen Zuschauern viel näher, als die Nobelvillen Kaliforniens, die ihnen in den US-amerikanischen Importserien angeboten werden. Bei den „Bullen“ treibt das Böse in den schummerigen Petersburger Hinterhöfen und in den Zimmern der überfüllten Gemeinschaftswohnungen sein Unwesen.
Deswegen nehmen die Zuschauer auch einige offenkundige Mängel bei der Kameraführung in Kauf. Vor allem den manches Mal doch unprofessionell wirkenden Action-Szenen sieht man es an, dass die Serie mit bescheidenen Mitteln gedreht wurde.
Kommissar Larin (Foto: rUFO)
Ungleich liebenswerter gestrickt ist die Krimiserie „Uliza rasbitych fonarej“ („Straße der zerschlagenen Laternen“). Die Produktion erlangte in Russland trotz eines geradezu bemittleidenswert niedrigen Budgets von anfangs offiziell 24.000 Dollar je Folge nahezu auf Anhieb Kultstatus. Die Serie war so erfolgreich, dass Drehbuchautor Andrej Kiwinow die Idee unter verschiedenen Namen („Menty“ („Die Bullen“), „Ubojnaja Sila“ („Mordskraft“)) mit einem annähernd gleichbleibenden Schauspieler-Team gleich an mehrere Kanäle verkaufen konnte. Zeitweise liefen verschiedene Staffeln gleichzeitig bei ORT und NTW. Das fünfte Jubiläum der Serie wurde mit einer Galashow im Moskauer Kremlpalast gefeiert, bei der selbst die billigsten Eintrittskarten für russische Verhältnisse exorbitante 1.000 Rubel kosteten.
Schließlich bleibt die Serie gewissermaßen in der Tradition des sozialistischen Krimis: Nicht eine einzelne messerscharf kombinierende Hauptfigur ist der Held. In Sankt Petersburg ist jede Verhaftung noch Teamarbeit, wenn auch Kommissar Larin in den letzten Staffeln zunehmend an Gewicht gewinnt. Vor Beginn der Dreharbeiten, erklärte der Hauptdarsteller Nilow in einem Zeitungsinterview, hätten sich die die Schauspieler intensiv mit der Arbeit bei der Kriminalpolizei vertraut gemacht und als eine Art Generalprobe sogar echte Tatverdächtige verhören dürfen. Lediglich der Regierungszeitung «Rossijskaja Gaseta» war das alles zu viel der Wirklichkeitsnähe. Es sei nicht verwunderlich, dass in den heutigen verlotterten Zeiten die Schauspieler aus der Serie sogar zu einem Empfang beim Innenminister eingeladen wurden. Das einzige, wofür der oberste Dienstherr aller russischen Polizisten die Serie kritisiert habe, wetterte das Blatt: „Es wird dort zu viel getrunken.“ Das sei symptomatisch.
Nachdem ORT mit den Petersburger Kriminalpolizisten einen ungeahnten Erfolg verbuchen konnte, versuchte die damals noch zahlungsfähige Media-Most-Holding von Wladimir Gussinskij, nachzuziehen. So entstand nach den auch in Deutschland verlegten teilweise autobiografischen Krimiromanen Alexandra Marininas die Serie „Kamenskaja“. Die Kommissarin Anastassija „Nastja“ Kamenskaja (Jelena Jakowlewa) ermittelte in einer ersten Staffel zunächst für NTW und dann in der Wiederholung für drei weitere Fernsehsender. Die Fortsetzung wurde in Minsk dann nach dem Crash des Gussinski-Imperiums bereits für das russische Staatsfernsehen gedreht.
(epd).
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