Freitag, 21.11.2008

WAZ-Manager Hombach: Russen schreiben anders kritisch

Bodo Hombach war Leiter des Bundeskanzleramts unter Kanzler Gerhard Schröder. Jetzt lenkt er die Geschicke der WAZ Mediengruppe, die in Russland wachsen will (Foto: WAZ Mediengruppe)
Moskau. Die WAZ-Mediengruppe baut ihr Engagment in Russland aus. Manager Bodo Hombach gab am Donnerstag einen Ausblick. Die Zukunft liege in der Lokalberichterstattung und in einer starken Online-Basis für die Zeitungen.
Man merkt Bodo Hombach die Herkunft aus der Politik an. Gut vorbereitet und mit viel Einfühlungsvermögen näherte sich der Manager der WAZ-Mediengruppe am Donnerstagabend seinem russisch-deutschen Publikum im Atrium des Baltschug Kempinski Hotels.

Wunschliste für deutsch-russischen Qualitätsjournalismus


Die Deutsch-Russische Auslandshandelskammer hatte Hombach mit seinem Vortrag „Die Zukunft der Qualitätsmedien und ihre Bedeutung für Demokratie und Außenbeziehungen“ eingeladen. Rund 100 deutsche und russische Zuhörer lauschten dem bildreichen Vortrag des Westfalen.

Hombach schlug einen Bogen von den derzeit vorhandenen Irritationen zwischen Ost und West zum Beitrag der deutschen und russischen Medien zum gegenseitigen Verhältnis und ließ die Zuhörer schließlich an seiner Vision von einem qualitativ hochwertigen und aufklärenden Journalismus teilhaben:

„Deutsch-russische Studiengänge für Journalisten an den Universitäten haben die Qualität der Arbeit enorm gesteigert und lebendige Netzwerke geschaffen. Korrespondenten werden für ihre Tätigkeit sorgfältig und umfassend vorbereitet“, zählte Hombach seine Wünsche auf. Brachte sich und die Zuhörer dann aber auf den Boden der Tatsachen zurück: „Ich wecke Sie und mich nur ungern aus diesem Traum, aber wer einen Traum verwirklichen will, muss erst einmal daraus erwachen.“ Immerhin: Die Vision ist da und die steht bekanntlich am Anfang vieler von Menschen vorangetriebener, positiver Entwicklungen.

Jenseits der Vision


Die Grenze zwischen Vision und Umsetzung hat die WAZ Mediengruppe in Russland bereits überschritten. Hombachs Unternehmen will sich vor allem in den Regionen engagieren. Der Partner dafür wurde bereits gefunden: das Verlagshaus „Nowosti Regionow“. Das war vielen Zuhörern bekannt und so ging es nach Hombachs Vortrag bei der anschließenden Diskussion vor allem um die Geschäftsaktivitäten der Westfalen im riesigen Russland.

Ob denn ein Engagement im russischen Lokaljournalismus überhaupt so verlockend sei, wollte ein Zuhörer wissen. Immerhin könne von einer Pressefreiheit wie im Westen kaum die Rede sein, so der Mann. Tatsächlich unterscheide sich der russische Journalismus vom deutschen, stimmte Hombach zu. „Ich habe unsere russische Chefredakteurin gefragt: Kritisiert ihr den Präsidenten? Sie antwortete: Nein, niemals. Ich fragte: Und wie sieht es mit dem Moskauer Bürgermeister aus? Schreibt ihr kritisch über ihn? Die Antwort der Chefredakteurin: Ja, wenn er pensioniert ist“, erzählte Hombach.

Plädoyer für mehr Bürgernähe


Allerdings, so der Manager, gebe es in Russland kritischen Journalismus. Er finde lediglich eine andere Form: Journalisten schrieben kritisch darüber, wenn es mangelhafte Versorgung der Bürger mit Lebensmitteln gäbe oder wenn in einer Stadt der Straßenbelag der Hauptstraßen von Schlaglöchern durchsiebt sei. So bekämen die verantwortlichen Politiker doch ihr Fett ab, wenn auch indirekt und nicht unmittelbar namentlich.

„Ich wünsche mir auch in Deutschland mehr davon“, sagte Hombach. „Vor Kurzem bin ich spazieren gegangen. Ein Mann hat mich angesprochen und gesagt: Sie sind doch Herr Hombach von der WAZ. Schreiben Sie doch mal darüber, dass hier am Weg der Müll nur so aus den Papierkörben quillt und keiner die Körbe leert. Der Mann kannte mein Gesicht aus der Zeitung, wußte, dass ich bei der WAZ-Gruppe arbeite. Er hat mich für einen Journalisten gehalten“, so Hombach. Er habe den Mann aufgeklärt und ihm die Telefonnummer eines Journalisten zugesteckt. Kurz und gut: Die Partnerschaft zwischen WAZ und 'Nowosti Regionow' sei ausbaubar und könne für beide Seiten fruchtbar sein, so der ehemalige Politiker diplomatisch.

Trend zum Heimat-Medium


Auf die Frage von Russland-Aktuell, ob WAZ-Gruppe und „Nowosti Regionow“ im Online-Bereich eine ähnliche Strategie wählen werden, wie in Deutschland WAZ und WDR – der WDR liefert der WAZ-Gruppe seit Kurzem hochwertige Video-Produktionen für die Websites der zur WAZ-Gruppe gehörenden deutschen Regional- und Lokalzeitungen – gab sich Hombach ahnunglos:

„Ich bin Manager und nicht Chefredakteur. Aber das ist eine gute Anregung. Wir werden das sicher aufgreifen und mit der Redaktion diskutieren“, so Hombach verschmitzt.

Tatsächlich, so der Manager ernster, gebe es einen Trend hin zur direkten Heimatberichterstat-tung. Die Leser greifen nach Hombachs Erkenntnis immer stärker auf Print- und Online-Medien aus ihrer unmittelbaren Umgebung zurück. Selbstverständlich gehörten heute Videos unbedingt zur Online-Berichterstattung.