Montag, 06.05.2013

Bolotnaja-Kundgebung: Voller Platz trotz Tragödie

Moskau. Die Opposition veranstaltet am Jahrestag der Ausschreitungen vom 6. Mai 2012 ihre Kundgebung zur Unterstützung der deshalb Inhaftierten - trotz eines tödlichen Unfalls beim Aufbau der Bühne.
Nach dem Tod eines 25 Jahre alten freiwilligen Helfers beim Aufbau der Bühne war vorübergehend fraglich, ob die Kundgebung der Protestbewegung heute Abend überhaupt stattfinden kann. Der junge Mann war von einer umkippenden Lautsprechersäule erschlagen worden. Der Chef der Firma, die die Tribüne errichtete, wurde festgenommen.

Der Todesfall galt manchen als schlechtes Omen: Vor einem Jahr, als es an gleicher Stelle zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizeikräften kam, war während des vorhergehenden Demonstrationszuges ein Fotograf von einem Dach gestürzt und dabei umgekommen.

Wegen des heutigen Unglücks wurde auf dem Bolotnaja-Platz keine Bühne und keine leistungsstarke Verstärkeranlage aufgebaut. Die Veranstaltung begann mit einer Schweigeminute.

Die Redner treten auf der Ladefläche eines Lastwagens auf. Teilnehmer der Kundgebung beklagen nun über Twitter, dass die Redner schon in der Mitte des Platzes kaum noch zu verstehen seien. Deshalb verlassen offenbar auch viele wieder vorzeitig das Areal.

Organisatoren zählen vier Mal mehr Menschen als die Polizei


Trotz des kalten und windigen Wetters hatte der Demo-Aufruf des Koordinationsrates der Oppositionsbewegung offensichtlich Erfolg: Der Platz am Moskwa-Ufer war gut gefüllt. Seitens von Oppositionsaktivisten war von 30.000, aber auch von 50.000 Teilnehmern die Rede. Die Angaben der Behörden lagen wie üblich um ein Vielfaches niedriger: Die Moskauer Polizei meldete, dass sich gleichzeitig maximal 8.000 Menschen auf dem Platz aufgehalten hätten.

Die prominentesten politischen Köpfe bei der Kundgebung waren der ehemalige Vizpremier Boris Nemzow, der aus der Duma ausgeschlossene Ex-Abgeordnete Gennadi Gudkow sowie Jabloko-Parteivorsitzender Sergej Mitrochin.

Auch traten Familienangehörige jener 27 Beschuldigten auf, denen vorgeworfen wird, vor einem Jahr mit Gewalt gegen Polizisten vorgegangen zu sein.

Nach Darstellung von Nemzow hatten maskierte Provokatoren die Demonstranten gegen die Absperrungen der OMON-Truppe gedrückt und so die Zusammenstöße ausgelöst.

Gegen mehrere Führungsfiguren der „Linken Front“, darunter Sergej Udalzow, laufen Ermittlungsverfahren wegen der Anstiftung zu Unruhen. Ein Udalzow-Mitarbeiter, der ein Geständnis abgelegt hat und dabei seine Genossen schwer belastet hat, wurde bereits zu 2,5 Jahren Haft verurteilt.