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Montag, 18.08.2008

Eine Reportage von 1998: Hamsterkäufe in Russland

St. Petersburg. Das Wochenende war warm und sonnig - eine Seltenheit in diesem für Rußland tristen Sommer. Doch schien es, als bemerke niemand den Sonnenschein. Die Eisverkäufer am Newski-Prospekt hatten untypisch ruhige Tage - obwohl sie ihre Preise noch nicht erhöht hatten.

Versteinerte Gesichter auf den Gehwegen - wer hat schon Lust und Zeit zum Eisschlecken, wenn das Geld in der Tasche taut? Auf Petersburgs Prachtmeile sind seltsam wenig Menschen unterwegs. Was soll man schon hier, wo es edle Klamotten, feine Parfums, Sportschuhe und Musik-CDs zu kaufen gibt - aber kein Mehl, kein Pflanzenöl, weder Butter noch Buchweizen, Fleisch oder Haferflocken?

Dagegen pilgern wahre Menschenmassen mit Handkarren und Rucksäcken zu den Märkten: Viele sind erst vor einer Woche zu Schuljahrsbeginn von ihren Datschen zurückgekommen - und stellen jetzt schockiert fest: Die Preise für Lebensmittel steigen von Tag zu Tag, die Regale leeren sich dramatisch.

Bei Russland-Aktuell
• Default vor zehn Jahren: Russland war bankrott (18.08.2008)
Angst vor einem Hungerwinter geht um. Ganz Petersburg legt panisch Vorräte an. „Die Großhandelsbasen sind leer. Im Hafen wird nichts mehr ausgeladen, auch russische Waren gibt es nicht mehr auf Kredit“, erzählt achselzuckend der immer freundliche Inhaber des Tante-Emma-Ladens von nebenan. Die Lebensmittelversorgung in der Fünf-Millionen-Stadt ist zusammengebrochen, obwohl die Lager voll sind.

Am Newski haben die Geschäfte geöffnet, aber die Leute hasten vorbei. Der Firmenladen von Philips lockt - anders als sonst - kaum Schaulustige und erst recht keine Kunden an. Das Angebot ist üppig wie immer. Aber die Preise deprimieren: Für 3000 ersparte Rubel hätte es vor zwei Wochen noch einen guten Fernseher gegeben, jetzt kauft dieses Geld - drei russische Durchschitts-Monatslöhne - noch einen Staubsauger. Und wenn es mit dem Rubelkurs so weitergeht, ist es in ein paar Tagen wohl nur noch ein Tauchsieder.

Auch teure Lebensmittelgeschäfte veröden von Stunde zu Stunde. Seitdem der Rubel abstürzt, kommt kein Müsli, kein Import-Shampoo und keine italienische Nudelpackung mehr in den Großhandel. Es gibt nur noch Restposten zu kaufen.

Die aber kosten teils kaum mehr als vor der Krise, denn die Händler können die Preise gar nicht mehr so schnell erhöhen, wie der Rubel verfällt. Im Supermarkt des Kaufhauses „Passash“ legen die Verkäuferinnen keine Ware mehr nach.

Sie zupfen mit eisernen Mienen die Preisschilder von den Regalen, sobald die letzte Packung verkauft ist. Das wird so bleiben, bis der Kurs wieder leidlich stabil ist und Importeuren und Großhändlern wieder vernünftige Kalkulationen erlaubt.

Am Sonntagmittag sind bereits viele Geschäfte fast völlig ausgeplündert. Nur die Theken mit Milch, Brot, Fisch und Wurst bieten noch halbwegs die frühere Auswahl. Einzig Bier und Wodka aus lokaler Produktion sind reichlich vorhanden. Kunden und Verkäufer schweigen sich an, die Lage spricht für sich.

Auch ich als Ausländer, mit meinem sicherem Giro- und Sparkonto in der Heimat, gehe hamstern. Brot und Gemüse vom Markt wird es wohl auch weiterhin geben - aber auf ein paar nötige oder liebgewonnene West-Produkte will ich in den nächsten Krisentagen (-wochen, -monaten?) nicht verzichten.

Die Situation ist pervers: Einheimische müssen sich die Investition jedes Rubels gut überlegen, ich dagegen mache den günstigsten Einkauf meines Lebens. Die Hamsterfahrt beginnt in einem Luxushotel, wo ich meine Euroscheck-Karte in einen Geldautomaten stecke - es gibt tatsächlich noch welche, die nicht stillgelegt sind.

Auf dem Bildschirm erscheint - auf Wunsch auf deutsch - die Zauberformel: „Die Verrechnung erfolgt zum Börsenkurs“. Das heißt, die Bank zahlt mindestens 9,77 Rubel pro Mark - statt früher 3,50.

Der russische Staatsbankrott erlaubt es mir, im „Passash“ drei Dosen feinen englischen Tees zum Preis von einer in den Einkaufskorb zu packen. Freude kommt nicht auf dabei. Denn es sind die getriebenen Menschen draußen auf der Straße, die in diesem Moment für die beiden anderen Dosen geradestehen müssen.

Lothar Deeg, St. Petersburg (6.9.1998)



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Sicherheitsabstand sieht anders aus. Aber wenn an der Peter-Pauls-Festung in St. Petersburg der Rundflug-Helikopter startet und landet, sind Zuschauer immer ganz nah dabei. Sobald sie allerdings der Rotorwind samt Staubwolke erfasst, haben die Neugierigen wieder etwas Nützliches fürs Leben gelernt. (Topfoto: Deeg/.rufo)






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