Dienstag, 08.07.2008

Internet-Abstimmung: Russen lieben Stalin und Lenin

Moskau. Die Russen lieben Stalin und Lenin. Das legt zumindest das Zwischenergebnis einer Online-Umfrage auf den ersten, schnellen Blick nahe: Der Fernsehsender „Rossija“ (Russland), die Russische Akademie der Wissenschaften (RAN) und das Meinungsforschungsinstitut „Öffentliche Meinung“ fordern die Besucher der Website „Imja Rossi“ (Name Russlands) auf, die bedeutendsten Persönlichkeiten der Geschichte ihres Landes zu wählen.
Unter 50 Kandidaten – darunter die Dichter Puschkin und Jessenin, der Astronaut Juri Gagarin oder der bedeutende Heilige Sergej von Radonjesch – belegen Stalin und Lenin derzeit die Plätze eins und zwei. Dazwischen passt gerade noch, ja, Sie haben es geahnt: Der Sänger und Schauspieler Wladimir Wysozki.

„Die Leute müssen aufgeklärt werden”


„Das ist die Folge eines ideologischen Vakuums und des Fehlens einer klaren Position des Staats und der Medien“, glaubt Wladimir Lawrow, Stellvertretender Leiter des Instituts für russische Geschichte.

„Auf dem größten nationalen Fernsehkanal wurde neulich ein Stalin-Film gezeigt, jetzt wird ein Stalin-Lehrbuch in den Schulen eingeführt. Und der Mensch, der vorgeschlagen hat, den Ersten Weltkrieg in Bürgerlichen Krieg umzunennen, liegt immer noch im Mausoleum (gemeint ist der einbalsamierte Lenin-Leichnam im Mausoleum auf dem Roten Platz in Moskau, die Redaktion)“, kritisierte Lawrow gegenüber russischen Medien.

Mehrheit stimmt nicht für Potentaten


Man müsse den Menschen die Wahrheit über Stalin und über Lenin erzählen. Die meisten kennten sie einfach nicht. „Zu mir kommen heute beispielsweise Studenten, die glauben, dass Lenin der letzte Zar Russlands gewesen sei.“

Gleichzeitig glaubt Lawrow, dass das Zwischenergebnis der Abstimmung nicht die tatsächliche politische Haltung der Mehrheit der Russen widerspiegelt. Die Kommunisten stimmten eben für Stalin und Lenin. Die Stimmen der übrigen Russen, und die stellten die Mehrheit der Besucher der Online-Umfrage dar, verteilten sich eben gleichmäßiger auf die übrigen 48 Kandidaten der Wahl „Name Russlands“.

Nach Ansicht des Projektleiters vom TV-Kanal „Rossija“ Alexej Golikow wirkt sich außerdem ein technischer Aspekt auf das Abstimmungsergebnis aus: Die Abstimmungssoftware kann keine IP-Nummern erkennen und die Zahl der Stimmen eines Seitenbesuchers entsprechend auch nicht einschränken.

So ist es möglich, dass ein Abstimmungsteil-nehmer gleich hundertmal für sein Idol Stalin stimmt. Golikow glaubt, dass politische Hardliner diesen technischen Mangel nutzen.