Montag, 24.10.2011

„Chapmans“ in Deutschland? Agentenpaar festgenommen

Die deutsche Spionageabwehr hat zwei gut getarnte russische Agenten festgenommen - heißt es zumindest (Foto: Archiv/.rufo)
Berlin. Gab es auch in Deutschland russische Undercover-Agenten – so wie in den USA? Zwei mutmaßliche Spione wurden festgenommen, die Ermittler stießen auf falsche Pässe, Kurzwellensender und verschlüsselte Nachrichten.
Die deutschen Sicherheitsbehörden haben Medienberichten zufolge ein mutmaßliches russisches Agentenpaar festgenommen, das seit mehr als 20 Jahren in Deutschland spioniert haben soll. Die Eheleute stünden im Verdacht, für den russischen Auslandsgeheimdienst SWR gearbeitet zu haben, berichtet der «Spiegel».

Die Bundesanwaltschaft bestätigte die Festnahme von «zwei Personen wegen des dringenden Tatverdachts der geheimdienstlichen Agententätigkeit».

Geheime Funksprüche nach Moskau - auf der Chapman-Welle


Das Paar sei 1990 mit falscher Identität über Mexiko nach Deutschland eingereist, schreibt «Focus». Mit einem Kurzwellensender hätten die beiden jahrelang verschlüsselte Nachrichten nach Moskau abgesetzt. Nach einem Geheimdienst-Hinweis aus den USA seien die Verdächtigen ins Visier der deutschen Ermittler geraten.

Wenn dies so stimmt, wären diese Agenten also noch im Auftrag des KGB der Sowjetunion nach Westdeutschland geschickt worden. Es wäre das erste Mal seit der deutschen Wiedervereinigung, dass im Auftrag Moskaus arbeitende „illegale Agenten“ in Deutschland aufgeflogen wären. Für die deutsch-russischen Beziehungen bedeutet dies ein unerwartete Belastungsprobe.

Das mutmaßliche Agentenpaar pflegte offenbar intensiven Kontakt mit der 2010 in den USA aufgeflogenen russischen Spionin Anna Chapman. Regelmäßig sei ein Kurzwellenkanal belegt gewesen, den sie und das Duo nutzten, heißt es. Die als «Agentin 90-60-90» bekanntgewordene Chapman ist in Russland inzwischen ein Medienstar.

Letztes Jahr waren in den USA zehn derartige russische Zivil-Agenten aufgeflogen. Auch von ihnen kamen einige aus Südamerika. Sie wurden gegen vier in Russland wegen Spionage verurteilte Männer ausgetauscht.

GSG 9 gegen eine unauffällige Hausfrau


Wie die Bundesanwaltschaft mitteilte, wurden die beiden bereits am Dienstag durch GSG 9 und BKA-Ermittler festgenommen. Sie seien «dringend verdächtig, seit längerer Zeit in der Bundesrepublik Deutschland für einen ausländischen Nachrichtendienst tätig gewesen zu sein». Am Mittwoch habe ein Ermittlungsrichter Haftbefehle erlassen und Untersuchungshaft angeordnet. Mit weiteren Ermittlungen sei das Bundeskriminalamt (BKA) beauftragt.

Den Berichten zufolge überraschten die Ermittler die Ehefrau in ihrem Zuhause in Michelbach, einem Ortsteil des hessischen Marburg, wie sie vor einem Funkempfänger verschlüsselten Agentenfunk gehört habe.

Verdacht geht in Richtung Wirtschaftsspionage


Den Ehemann, einen Maschinenbauer, habe die Polizei an seinem Arbeitsplatz bei einem Autozulieferer in Balingen (Baden-Württemberg) aufgegriffen. Dort habe er unter anderem Betriebsgeheimnisse ausgespäht. Laut «Spiegel» bestreiten die Verdächtigen die Vorwürfe.

Sie sollen österreichische Pässe gehabt haben, die Argentinien bzw. Peru als Geburtsort ausweisen. Recherchen der deutschen Sicherheitsbehörden in Südamerika hätten allerdings ergeben, dass diese Angaben nicht stimmten.

Kontakt mit den Nachbarn vermieden


Der russischen Zeitung „Kommersant“ kapselte sich das Ehepaar namens Andreas und Heidrun Anschlag von seiner Umwelt geradezu ab. Gesprächen mit Nachbarn seien die beiden seit ihrem Umzug nach Marburg aus dem Weg gegangen, am örtlichen Vereins- und Gemeindeleben hätten sie nicht teilgenommen. Das Ehepaar soll eine Tochter haben, die in Deutschland studiert.

Der russische Auslands-Geheimdienst SWR wollte sich nicht zu dem Fall äußern. «Wir geben dazu keinen Kommentar ab», sagte SWR-Sprecher Sergej Iwanow am Samstag der Agentur Interfax in Moskau.