Montag, 27.06.2011

Agentenverräter bekommt 25 Jahre – in Abwesenheit

Ex-Oberst Potejew hat die russische Agentengruppe auffliegen lassen. (Foto: newsru.com)
Moskau. Der Mann, der im letzten Jahr eine russische Agentengruppe in den USA auffliegen ließ, ist in Moskau wegen Desertion und Landesverrat zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Er selbst hat sich in die USA abgesetzt.
Der Fall Alexander Potejew war hinter verschlossenen Türen verhandelt worden, da die Akte jede Menge Geheimmaterial enthält. Das Moskauer Bezirksmilitärgericht befindet den 59-jährigen Ex-Oberst der Auslandsaufklärung SWR für schuldig, Landesverrat begangen zu haben und desertiert zu sein.

Die 25 Jahre Gefängnis wird er aber kaum absitzen, da er sich – kurz bevor im letzten Sommer auf spektakuläre Weise eine elfköpfige Spionengruppe ausgehoben worden war – aus Russland abgesetzt hatte und sich nun in den USA versteckt hält.

“Ich komme nie wieder“


Im Laufe der Verhandlung wurden Einzelheiten von Potejews Verschwinden aufgedeckt. Er soll, kurz bevor der amerikanische Geheimdienst den Agentenring hochnahm, mit dem Zug von Moskau nach Minsk gefahren sein.

Aus Weißrussland ist er dann „mit einem vom amerikanischen Geheimdienst angefertigten falschen Pass erst nach Deutschland gefahren und dann in die USA, wo er sich bis heute versteckt hält“, heißt es im Urteilsspruch.

Seiner Frau, die in Moskau zurückblieb, schickte er aus Minsk eine SMS mit den Worten: „Ich komme nie wieder.“ Er hatte es anscheinend sehr eilig, aus Moskau fortzukommen, weil er mitten in einer Arbeitssitzung den Raum verlassen hatte und daraufhin nicht mehr gesehen wurde.

Wo sich Potejew jetzt aufhält, ist unbekannt. Die amerikanische Botschaft in Moskau hat eine Aufforderung des Gerichts ignoriert, den Aufenthaltsort des Verurteilten mitzuteilen.

Agentin 90-60-90: Observation mit Auto und Hubschrauber


Anna Chapman, die nach dem Auffliegen des Spionagerings eine schwindelerregende Karriere in Russland machte und wegen ihrer auffallenden weiblichen Reize mal als „Bond-Girl“, mal als „Agentin 90-60-90“ bezeichnet wird, sagte ebenfalls vor Gericht aus.

Kurz bevor die Gruppe ausgehoben wurde, habe sie falsche Anweisungen für ihre Spionagetätigkeit bekommen. Außerdem sei sie von einem Auto und sogar einem Hubschrauber aus beschattet worden. Den SWR-Oberst habe sie auf einem Foto erkannt, gab sie an.

Vom Afghanistan-Helden zum Landesverräter


Alexander Potejew soll seit 1999 für den CIA gearbeitet haben, stellte das Moskauer Gericht fest. Er habe Agenten in den USA, Kanada und Lateinamerika geführt. Ein Informant aus dem russischen Auslandsgeheimdienst SWR sagte der Zeitung „Iswestija“, Potejew habe sich von den Amerikanern „banal kaufen lassen“.

Dabei war er einst ein Held – für seinen Einsatz in Afghanistan hatte er mehrfach Auszeichnungen erhalten, unter anderem einen Rotbannerorden. Alle Orden und Ränge wurden ihm mit dem jetzigen Urteil übrigens aberkannt.