Donnerstag, 04.12.2014

Angriff auf Grosny: Terror im Kaukasus wieder erwacht

Viele Medien in Tschetschenien sind jetzt obdachlos: Das Haus der Presse in Grosny ist ausgebrannt (foto: vesti.ru)
Grosny. Ein Terror-Kommando hat in der Nacht auf Donnerstag Grosny angegriffen. Nach einer Schießerei mit Polizisten verschanzten sich die Täter im Presse-Haus der tschetschenischen Hauptstadt und in einer Schule.
Lange Zeit war es im russischen Kaukasus verhältnismäßig ruhig – doch am Tag der großen Jahresansprache von Präsident Wladimir Putin in Moskau befand sich die Hauptstadt der Föderationsrepublik Tschetschenien wieder im Belagerungszustand: Kämpfer einer Terrorgruppe hatten sich in der Nacht auf Donnerstag im Haus der Presse sowie in einer leeren Schule im Stadtzentrum verschanzt.

Zuvor hatten sie drei Verkehrspolizisten erschossen, die die Fahrzeuge der Terrorgruppe offenbar kontrollieren und aufhalten wollten.

Terrorgruppe rückte schwer bewaffnet an


Das Nationale Anti-Terror-Komitee in Moskau sprach am Mittag von zehn getöteten Beamten, 28 seien verletzt worden. Durch den Einsatz der Sicherheitskräfte seien die von den Angreifern eigentlich geplanten Terroranschläge in der Stadt verhindert worden. Später hieß es, in den beiden erstürmten Gebäuden sei ein umfangreiches Waffenarsenal und 24 selbstgebaute Sprengsätze gefunden worden.

In dem im Laufe der Kämpfe fast völlig ausgebrannten Pressehaus wurden angeblich die Leichen von sieben Terroristen gefunden. Der tschetschenische Republik-Chef Ramsam Kadyrow sprach von neun umgekommenen Angreifern – behauptete aber auch, „von unseren Jungs“ sei niemand ums Leben gekommen. Der Anti-Terror-Einsatz in Grosny wäre beendet, erklärte er kurz vor 14 Uhr.

Leere Gebäude: Nur ein ziviles Opfer


Das Geschehen forderte auch ein ziviles Opfer: Ein Unternehmer, der in einem Hotelzimmer im obersten Stockwerk des Geschäftsgebäudes übernachtet hatte, sei bei dem Brand erstickt. In der Schule hatte sich zum Zeitpunkt des Eindringens des Terrorkommandos niemand befunden – der eigentlich dort Dienst tuende Wachmann war nach Hause gegangen.

Das Leben in Grosny war aufgrund des Terror-Angriffs paralysiert: Das Stadtzentrum wurde abgesperrt. Journalisten vor Ort berichten von Gerüchten, wonach mehrere hundert Kämpfer in die Stadt eingesickert seien und sich dort verstecken würden. Der Einsatzstab dementierte dies entschieden und sprach von einer Gruppe von zehn bis elf Männern, die bekämpft würde.

Zu dem Angriff auf Grosny bekannte sich in einer Internet-Videobotschaft ein Sprecher des „Emirats Kaukasus“. Die Angreifer wollten auf diese Weise Rache für das „Bedrängen moslemischer Frauen“ in Tschetschenien üben. Dies soll wohl auf eine Anordnung Kadyrows anspielen, der die Polizei aufgefordert hatte, verdächtig erscheinende vollverschleierte Frauen zu kontrollieren.

Islamisten alle in Syrien? Fast ein Jahr ohne Terrorakte


Russland hat seit fast einem Jahr keine schweren Terroranschläge mehr erlebt. Zuletzt hatten Selbstmord-Attentäter im Oktober und Dezember 2013 in Wolgograd drei Bombenanschläge auf Busse und den Bahnhof verübt und dabei 40 Menschen getötet. Während der Olympischen Spiele in Sotschi waren die von den Untergrundkämpfern angekündigten Terrorakte ausgeblieben.

Ein Grund dafür könnte – neben den massiven Sicherheitsmaßnahmen – der Tod von Doku Umarow im Sommer 2013 gewesen sein, der als „Emir des Kaukasus“ zumindest formell die Führungsrolle unter den radikalen Islamisten beanspruchte. Und zweifellos spielt es eine Rolle, dass gegenwärtig mehrere hundert radikale Moslems aus Russland im syrischen Bürgerkrieg kämpfen – zumeist in den Reihen des „Islamischen Staates“.

Der Angriff auf Grosny zeigt nun aber, dass Russland sein Terrorproblem nicht dauerhaft losgeworden ist – und dies in einer Phase, in der das Land aufgrund des Ukraine-Konflikts, der westlichen Sanktionen und des drastischen Verfalls des Ölpreises gerade in besonders schwierige Zeiten gerät.

Der Kreml und der scheinbar schon befriedete Kaukasus bleiben weiterhin mit den radikalen Islamisten konfrontiert – und der Konflikt könnte umso heftiger entflammen, wenn die vom noch viel brutaleren Syrien-Krieg geprägten Legionäre eines Tages zurückkehren.