Freitag, 05.10.2012

Anschi Machatschkala: viel Geld und noch mehr Probleme

Anshi-Trainer Guus Hiddink freut sich über den Sieg über die Young Boys Bern. (Foto: Sovsport)
Susanne Brammerloh, St. Petersburg. Der FC Anschi Machatschkala sorgt für Furore in Europa und lässt in der heimischen Premierliga die Konkurrenz hinter sich. Ansonsten ist der Kaukasus-Verein heimatlos und unbeliebt.
In der Europa League marschiert der Verein aus der russischen Teilrepublik Dagestan mit der Traumtordifferenz 17:1 in acht Spielen bisher ungeschlagen durch. In der heimischen Premierliga stehen die Kaukasier mit ihrem Kapitän Eto´o nach dem 10. Spieltag ganz oben.

Ein Traditionsverein ist Anschi Machatschkala (UEFA-Schreibweise: Anzhi Makhatchkala) ganz sicher nicht – gerade einmal 21 Jahre jung, dümpelte er lange an der Grenze zwischen der ersten und zweiten russischen Liga herum und wurde von der Konkurrenz kaum wahr-, geschweige denn ernstgenommen.

Die Geldpumpe angeschaltet


Das änderte sich schlagartig, als der dagestanische Oligarch Sulejman Kerimow im Januar 2011 den Verein kaufte, das Ruder übernahm und die Geldpumpe anschaltete. Seitdem tun sich die Nordkaukasier durch eine sehr freizügige Einkaufspolitik hervor.

Roberto Carlos wurde geholt, Stürmerstar Eto´o kam von Milan, der russische Nationalspieler Juri Schirkow verließ Chelsea. Vorläufiger Höhepunkt war die Verpflichtung des holländischen Trainer-Urgesteins Guus Hiddink. An die zehn Millionen Euro Jahressalär soll er bekommen, glaubt man Meldungen in den Medien.

Das „Projekt Anschi “, wie es in Russland bezeichnet wird, scheint zu funktionieren. Kerimows erklärtes Ziel – „Wir bauen in wenigen Jahren einen Superclub auf!“ – nähert sich, zumindest was die sportlichen Ergebnisse angeht. Die letzte Saison erbrachte Platz fünf in der Premierliga und das Recht, in der Europa League mitzumischen.

Dort überwand man die Qualifikationsrunden ohne merkliche Mühe, erst im ersten Gruppenspiel gegen Udinese setzte es ein 1:1-Unentschieden, und auch das nur, weil die Konzentration in der Nachspielzeit nachgelassen hatte. Erst gestern mussten sich die Young Boys aus Bern dem Newcomer mit 0:2 geschlagen geben.

In der russischen Meisterschaft läuft es ebenfalls rund – nach zehn Spieltagen steht Hiddinks Team an der Tabellenspitze und verweist solche Fußball-Dinos wie ZSKA, Spartak und Zenit auf die Plätze.

(K)eine Erfolgsgeschichte sondergleichen


Eine Erfolgsgeschichte sondergleichen, möchte man meinen. Aber das ist nur die Schokoladenseite der Medaille. Anschi hat mit vielen Problemen zu kämpfen, die mit Fußball allerdings nur wenig zu tun haben. So kann der Verein ohne Übertreibung als heimatlos eingestuft werden.

Trainiert wird in der Nähe von Moskau, zu den Heimspielen fliegt die Mannschaft zwei Mal im Monat nach Machatschkala. Kerimow und Co. reden viel über die soziale Aufgabe des Vereins, der den Menschen in der von Terror gebeutelten Republik ein patriotisches Vorbild und Hoffnungsträger sein soll – aber wie kann dies umgesetzt werden, wenn keiner der Spieler und Trainer auch nur dort lebt?

“Gefährlichster Fußballverein der Welt“


Die UEFA hat Anschi, das nach vielen Jahren Pause in dieser Saison erstmals wieder im europäischen Wettbewerb steht, sogar verboten, seine Heimspiele in Dagestan im allgemeinen und in der Hauptstadt Machatschkala im Besonderen auszutragen – und verweist auf die permanente Terrorgefahr.

Im Oktober 2011 hatte das britische Portal dailyrecord.co.uk Anschi ganz oben auf eine Liste der „gefährlichsten Fußballvereine der Welt“ gesetzt, gefolgt übrigens vom Nachbarn Terek Grosny aus der tschetschenischen Hauptstadt…

“Ganz Russland hasst Anschi!“


Für viele russische Fußballfans ist Anschi derweil zum „Hassobjekt Nr. 1“ avanciert – erstens wegen der aggressiven Finanzpolitik, zweitens wegen sehr starker Aversionen unter der slawischen Mehrheitsbevölkerung gegen die „Schwarzen“ aus dem Kaukasus.

In den letzten Jahren kommen immer mehr Menschen aus den unter Armut und Arbeitslosigkeit leidenden Kaukasus-Teilrepubliken in die russischen Städte und sind oft wenig gewillt, sich dort einzupassen. Die Ortsansässigen fühlen sich „überfremdet“. Anschi mimt zudem den omnipotenten „Geldsack“ und trifft damit auf noch mehr Widerstand.

Beim Pokalspiel Mitte letzter Woche bei Ural Jekaterinburg hatten die Heimfans im Stadion ein riesiges Banner mit der Aufschrift: „Ganz Russland hasst Anschi!“ entrollt. Am Samstag skandierten Fans von Zenit St. Petersburg und Lokomotive Moskau beim Ligaspiel in Petersburg gemeinsam (!) Schmähsprüche gegen den Club aus Dagestan.

Hintergrund sind Ausschreitungen in Machatschkala, bei denen vor wenigen Wochen ein bekannter Vertreter der Petersburger Fanbewegung zusammengeschlagen und die Sache dann unter den Teppich gekehrt worden war.

Zurück in die Versenkung?


Glaubt man russischen Medienberichten, droht Anschi aber ein noch größeres Unheil: Milliardär Kerimow, einer der reichsten Männer Russlands, könnte sein „Lieblingsspielzeug“ bald wegwerfen und sich aus dem „Projekt Anschi “ zurückziehen.

Die mögliche Folge: Die Sache platzt wie eine Seifenblase, und der Verein verschwindet so schnell wieder in der Versenkung, wie er aus ihr hervorgekommen ist.