Die Polizei kontrolliert in letzter Zeit verstärkt Personen mit georgischem Aussehen (Foto: Djatschkow/.rufo)
Donnerstag, 16.11.2006
Anti-Georgier-Kampagne: Planziel 20 Festnahmen am Tag
Karsten Packeiser, Moskau. Manana Dschabelia hatte Pech an jenem Tag, als die Moskauer Polizei eine Großrazzia auf dem Domodedowski-Markt startete. Ihr georgischer Pass wurde der Frau zum Verhängnis.
Trotz gültiger Papiere und obwohl sie nie mit dem Gesetz in Konflikt geraten war wurde sie verhaftet, in einem Schnellverfahren verurteilt und wartet seit über einem Monat unter menschenunwürdigen Verhältnissen in einem Abschiebegefängnis auf ihre Ausweisung. Dschabelias Schicksal sei kein Einzelfall, berichten Bürgerrechtler. Die russischen Behörden hätten sich vielmehr in eine wahrhaftige „anti-georgische Hysterie“ hineingesteigert.
Am schlimmsten sind die Abchasien-Flüchtlinge dran
„Vor lauter Hilfe suchenden Menschen in unserem Büro kommen wir kaum noch zu unseren Schreibtischen durch“, empört sich Swetlana Gannuschkina, die Vorsitzende der Flüchtlingshilfe-Organisation „Zivile Hilfe“. Besonders dramatisch sei die Lage für diejenigen Familien, die vor dem Bürgerkrieg in den georgischen Teilrepubliken Abchasien und Süd-Ossetien nach Russland geflohen waren. Russland verweigert ihnen seit über zehn Jahren den Status von Flüchtlingen, die meisten sind inzwischen Staatenlose.
„Die Leute nehmen noch nicht einmal an ihren eigenen Ausweisungsprozessen teil, sondern müssen während des Verfahrens im Flur warten“, erzählt sie. Den Bürgerrechtlern sind zudem etliche Fälle bekannt, in denen abgeschoben wurde, bevor die entsprechenden Urteile überhaupt in Kraft getreten waren. Selbst ein Dutzend russischer Staatsbürger georgischer Herkunft sei im Übereifer inzwischen in ihre historische Heimat deportiert worden.
Einige Moskauer Polizisten zeigen immerhin Mitleid, wenn sie bei einer Razzia Georgier verhaften. „Sie sagen dann, sie wüssten ja, dass alle Papiere in Ordnung seien und dass sie dich nach einer halben Stunde wieder zurück auf die Arbeit lassen“, erzählt Irina Bergalia von einem Wohnheim-Komitee, das viele Kaukasier vertritt. „Aber sie müssten halt den Plan erfüllen und jeden Tag 20 Georgier auf die Wache mitnehmen.“
Restaurants über Nacht geschlossen
Die Beziehungen zwischen den beiden traditionell eng verbündeten, orthodoxen Russen und Georgiern verschlechtern sich schon seit Jahren fortlaufend. Seit mehreren Jahren benötigen Georgier etwa ein Visum für Reisen nach Russland, obwohl innerhalb der GUS eigentlich Reisefreiheit herrschen sollte. Seit dem Frühjahr 2006 ist der Streit beider Länder um die prorussischen, von Georgien abgespaltenen Teilrepubliken Abchasien und Südossetien eskaliert. Moskau strafte das Nachbarland mit einem Handelsembargo und der Schließung der Grenzen ab – sowie mit einer beispiellosen Attacke auf die georgische Diaspora in Russland. „Der Befehl zu dieser Kampagne kommt von ganz oben“, ist sich Swetlana Gannuschkina sicher.
Im Oktober schlossen allein in der russischen Hauptstadt über Nacht etliche georgische Cafes und Restaurants. Berichten zufolge waren dort zuvor Heerscharen von Steuerfahndern und Beamten der Einwanderungsbehörde eingefallen. In den Schulen wurden die Direktoren von der Polizei aufgefordert, Listen von Kindern mit georgischen Nachnamen zusammenzustellen. Georgier verloren landesweit ihre Jobs. Das renommierte Burdenko-Institut weigert sich, georgische Patienten zu behandeln.
Mehrere hunderttausend Georgier in Russland warten nun verzweifelt auf ein Ende der anti-georgischen Hysterie. Dann könnte vielleicht auch Irakli Mikia endlich seine große Liebe heiraten. Bislang hat er noch kein Restaurant finden können, dass einen Saal an eine georgische Hochzeitsgesellschaft vermieten will. Viele Verwandte würden ohnehin nicht kommen. Sie haben Angst, die Polizei könnte die Feier nutzen, um ihren Verhaftungsplan zu erfüllen.
(epd/kp)
Leser-Kommentare zu diesem Artikel (und Kommentare zu Kommentaren): ↓
Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar, nachdem Sie sich hier unten für Kommentare neu registriert haben. Sie können hier oder im Forum (www.forum.aktuell.ru) mitdiskutieren.
Bisher gibt es zu diesem Artikel noch keine Leserkommentare