Geldwäscheverdacht: Kein US-Visum für Vizeminister
Binnenwasserwege für ausländische Yachten jetzt frei
Russland-Aktuell zur Startseite machen


Bergungsarbeiten in Archangelsk (foto: news.ru)
Bergungsarbeiten in Archangelsk (foto: news.ru)
Mittwoch, 17.03.2004

Archangelsk: Gas-Terror mit Methode?

St. Petersburg. Die Explosion eines neunstöckigen Wohnblocks in Archangelsk war kein Unglück und offenbar auch nicht eine Wahnsinnstat obdachloser Altmetallsammler, sondern ein Terrorakt: Vor zwei Jahren versuchten im Gebiet Archangelsk unbekannte Täter schon einmal mit Hilfe von Kerzen und geöffneter Gasleitungen einen Wohnblock in die Luft zu jagen. In Archangelsk wurden inzwischen 50 Todesopfer gezählt – und der Trümmerberg ist noch immer nicht ganz abgetragen.

Am 15. April 2002 wurden in gleich zwei Treppenhäusern eines fünfstöckigen Wohnblocks in der Provinzstadt Korjashma, etwa 600 Kilometer südlich von Archangelsk, von den Bewohner starker Gasgeruch bemerkt. Schlimmeres konnte verhindert werden. Bis heute unbekannte Täter hatten Überdruckventile aus den Gasleitungen herausgedreht. Was diese Tat damals nach Meinung der Ermittler des Inlandsgeheimdienstes FSB zu einem Terrorakt machte, waren brennende Kerzen. Sie standen zwischen der dritten und der vierten Etage auf der Treppe. Hätte sich das Treppenhaus bis zu dieser Höhe mit Gas gefüllt, wäre das Haus unweigerlich in die Luft geflogen. Auch in anderen Gebäuden von Korjashma war damals an den Gasleitungen manipuliert worden.

Inzwischen gibt es einige Indizien, dass die gleichen oder ähnliche Low-Budget-Terroristen in der Nacht auf Dienstag in der Innenstadt der Gebietshauptstadt Archangelsk unterwegs waren: Auch in zwei anderen Wohnblöcken in der Nähe des zerstörten Hauses wurden zur gleichen Zeit Gasleitungen aufgeschraubt. Wie die Zeitung „Kommersant“ berichtete, erwachten deren Bewohner jedoch nicht durch den Gasgeruch, sondern durch den Knall und die Erschütterungen der Explosion in der Nachbarschaft. Noch bevor alle ins Freie flüchteten, verstopften geistesgegenwärtige Hausbewohner die offenen Gasrohre mit Lappen.

In der Trümmerhalde, die noch zwei Tage zuvor Heimat von etwa 80 Menschen war, fanden die Suchtrupps am Mittwoch angeblich ein wichtiges Beweisstück: ein Stück Gasrohr mit einem herausgedrehten Verschlussteil: „Dies bekräftigt die Hauptversion einer äußeren Einwirkung als Ursache für das Gasleck und die Explosion“, so ein Vertreter der Staatsanwaltschaft. Später widerrief die Behörde die Information über diesen Fund jedoch wieder.

Bei den beiden „wie Obdachlose aussehenden“ Männern, nach denen seit Dienstag in Archangelsk fieberhaft gefahndet wird, handelt es sich offenbar nicht, wie zunächst angenommen, um Altmetallsammler, die ohne jede Rücksicht Teile der Gasleitungen demontierten. Zeugen wollen sie in der Katastrophennacht in der Nähe der Häuser mit eisernen Gerätschaften gesehen haben, bei denen es sich entweder um Rohrstücke oder auch um Spezialwerkzeuge zum Öffnen der Verschraubungen gehandelt haben könnte. Ohne spezielle Schraubenschlüssel seien die Verschlüsse und Ventile an den hausinternen Gasleitungen nicht zu entfernen, so Wladimir Lochow, Chef des Gebietsgasversorgers Oblgas.

Laut Lochow macht es auch keinen Sinn, wenn Altmetalljäger sich an Gasleitungen vergreifen würden: Die aus Bronze oder Messing gefertigten eingeschraubten Rohrpfropfen würden nur wenige Gramm wiegen – „um das Geld für eine Flasche Wodka zu bekommen, müsste man Dutzende Häuser abklappern“. Zudem seien die meisten dieser Verschlüsse ohnehin aus Gusseisen, was sie vom Materialwert fast völlig uninteressant für derartige „Recycling-Spezialisten“ machen würde. Die Archangelsker Polizei verhaftete inzwischen über 60 Obdachlose, die jedoch alle nach Verhören und Überprüfungen wieder frei gelassen wurden.

Darunter waren letzten Berichten zufolge auch zwei Männer, auf die die Zeugenbeschreibungen zutrafen. Aber auch sie erwiesen sich als Unbeteiligte. Auch die etwa 50 Annahmestellen für Altmetall in der Stadt wurden auf das Vorhandensein von Gasversorgungs-Gerätschaften überprüft – ohne Resultat. Die Tätersuche muss deshalb vorerst ohne konkrete Anhaltspunkte weiter gehen.

Ein Sprecher der Innenbehörde von Archangelsk widersprach Berichten, wonach das Haus von Polizeibeamten und deren Familien bewohnt gewesen sei. Das Gebäude sei zwar tatsächlich einst für Angehörige der Polizei errichtet worden. Doch schon Mitte der 90er Jahre ging es in kommunale Trägerschaft über. Unter den 36 Mietern seien zum jetzigen Zeitpunkt nur noch drei Polizisten und ein Miliz-Pensionär gewesen.

Welche Motive den oder die Gas-Terroristen umtreiben, ist aber noch völlig unklar.

Bei Russland-Aktuell
• Gasexplosion zerfetzt Wohnblock in Archangelsk (16.03.04)
Die 800 Mann starken Rettungsmannschaften trugen am Mittwoch den Trümmerberg an der Straße der sowjetischen Kosmonauten weiter Stück für Stück ab. Seit Dienstag Mittag wurden dort aber keine Überlebenden mehr gefunden, sondern nur noch Leichen. Die Zahl der Todesopfer der Gasexplosion stieg inzwischen auf 50. Darunter sind sieben Kinder. In den Krankenhäusern der Stadt befinden sich noch zwölf Verletzte, fünf davon in schwerem Zustand. Unter den Trümmern werden noch bis zu 15 Hausbewohner vermutet.

Überlebt haben das Unglück 24 Menschen, die hauptsächlich die obersten beiden Etagen bewohnten. Zu ihnen gehört die dreiköpfige Familie Kurotschkin. Während sich die Eltern nach dem Knall verletzt und von Trümmern bedeckt auf der Straße wiederfanden, fehlte von dem acht Jahre alten Artjom zunächst jede Spur, berichtet heute die „Iswestija“. Plötzlich hörte die Mutter dann jedoch die Stimme ihres Sohnes; „Mama, mir ist kalt!“ Der Junge stand oben im neunten Stock in der Tür seines Zimmers, die ins Nichts führte. Der Rest der Wohnung war abgestürzt. Feuerwehrleute retteten Artjom mit einer Leiter, seine Mutter konnte ihn unten völlig unverletzt in die Arme schließen.
(ld/rufo)

Artikel versenden Druckversion

Leser-Kommentare zu diesem Artikel (und Kommentare zu Kommentaren): ↓

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar, nachdem Sie sich hier unten für Kommentare neu registriert haben. Sie können hier oder im Forum (www.forum.aktuell.ru) mitdiskutieren.

Bisher gibt es zu diesem Artikel noch keine Leserkommentare


Überblick aller Leserkommentare zu allen Artikeln >>>



E-Mail (Zur Registrierung. Wird nicht veröffentlich)

Kennwort

Schnelle Neuanmeldung zum Schutz vor Spam
Klicken Sie hier, wenn Sie sich bisher noch nicht für Kommentare registriert haben.




nach oben
Alle Berichte aus dieser Rubrik
Alle Artikel vom Mittwoch, 17.03.2004
Zurück zur Hauptseite







(Topfoto: Archiv/.rufo)


Mail an die Redaktion schreiben >>>










Die populärsten Artikel der letzten drei Tage


Mail an die Redaktion schreiben >>>


Schnell gefunden
Russland Veranstaltungen und Kultur-Events in D+A+CH

Die Top-Themen
St.Petersburg
Nach dem Schwulengesetz: „Wir wollen uns mehr zeigen!“
Kopf der Woche
Deripaska setzt auf Ex-Stasi-Agent und Putin-Spezi
Kommentar
G-8 u ASEAN: russische-amerikanische Beziehungsprobleme
Moskau
Protest-Lager: Barrikadnaja statt Saubere Teiche
Thema der Woche
Ämtertausch vollendet: Medwedew ist Premierminister
Kaliningrad
AirBerlin nimmt Kaliningrad wieder in Flugplan auf
Der Russland-Aktuell
Nachrichten-Monitor
Montag, 28. Mai
01:03 

Geschichte Russland: Rust landet auf dem Roten Platz

Sonntag, 27. Mai
01:03 

Russland Geschichte: St. Petersburg und Tsuschima

Samstag, 26. Mai
01:03 

Geschichte Russland: Nikolaus II. wird gekrönt

Freitag, 25. Mai
20:02 

CH-Staatsanwälte legen Deripaska-Klagen zu den Akten

18:27 

Geldwäscheverdacht: Kein US-Visum für Vizeminister

18:03 

Baku: Missklänge beim Grand Prix – vorrangig politisch

17:09 

26-facher Mumienmacher muss in psychiatrische Klinik

16:26 

Medwedew will „Einiges Russland“ intern demokratisieren

14:37 

Russische Motorradfahrer im Irak freigelassen

13:28 

Fünf Tote: Familientragödie unter Russen in den USA

12:47 

Schlägerei bei Sprach-Debatte im ukrainischen Parlament

11:09 

Binnenwasserwege für ausländische Yachten jetzt frei

09:27 

Ferien! Heute letzter Schultag für Russlands Schüler

01:03 

Russland Geschichte: Aus finstersten Tiefen

Donnerstag, 24. Mai
18:22 

ESC: udmurtische Äffin sagt Sieg der Babuschki voraus

17:57 

Russland verliert Raketen-Radarstation in Aserbaidschan

17:22 

Trotz Timoschenko: Polen und Ukraine erwarten gute EM

16:14 

Nach dem Schwulengesetz: „Wir wollen uns zeigen!“

15:04 

Alu-Zar Deripaska verliert Petersburger Großprojekt?

13:58 

Minister verspricht Abschleppdienst per Helikopter

12:42 

Irak: Vier russische Biker sitzen in Militär-Gefängnis

12:13 

Vergewaltigtes Kind im Müllschlucker: 22,5 Jahre Haft

10:53 

Kremlwache kauft Atomschlag-sichere Kinder-Wiegen

09:23 

Demonstrantenführer Udalzow wieder auf freiem Fuß

01:03 

Geschichte Russland: Die „Aurora“ läuft vom Stapel

Mittwoch, 23. Mai
18:23 

Moskauer sollen eigene Speakers Corners bestimmen

17:53 

Ukraine lehnt Behandlung von Häftlingen im Ausland ab

17:13 

Verletzte bei Bruchlandung von Militärflugzeug

16:24 

Vor der EM: Sportjournalist pöbelt über Nationalspieler

15:11 

Tschetschenische Saurier-Eier sind profane Steine

13:51 

Kapitalflucht aus Russland kann auf 100 Mrd. USD steigen

12:35 

Anti-Alkoholkampagne: Wodka in Jakutien nur nachmittags

12:04 

Rosneft-Boss Setschin – der Mann, der Yukos beerbte

10:20 

Russlands Pop-Omas singen sich ins Finale des ESC

08:53 

Gorbatschow dementiert Gerüchte über seinen Tod

Unseren kompletten
aktuellen News-Uberblick
finden Sie bei
russland-news.RU

Alle Berichte bei Russland-Aktuell ab 2000 finden Sie in unserem Archiv
Weitere Nutzung im Internet oder Veröffentlichung auch auszugsweise nur mit
ausdrücklicher Genehmigung der Redaktion (Chefredakteur: Gisbert Mrozek) und mit Quellenangabe www.aktuell.ru
E-mail genügt
www.Russland-Aktuell.ru (www.aktuell.ru) ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten.


Basis-Information aus Russland, der Provinz und der GUS auf deutschen Internetseiten:
www.kasachstan.ru, www.russlanddeutsche.ru, www.georgien.ru, www.abchasien.ru, www.ossetien.ru, www.waldikawkas.ru, www.grosny.ru, www.sibirien.ru, www.wolga.ru, www.baikalsee.ru, www.kaukasus.ru, www.sotschi.ru, www.baltikum.ru, www.nowgorod.ru, www.nischni-nowgorod.ru, www.nowosibirsk.ru, www.rubel.ru, www.kultur.ru, www.puschkin.ru, www.wladiwostok.ru, www.sotschi.ru ... und noch einige andere mehr!
Russia-Now - the English short version of Russland-Aktuell








google.com
yahoo.com