Freitag, 21.08.2009

Arctic Sea: Crew im Gefängnis, Piraten “Ökologen”

Die Tätowierungen passen gut zum üblichen Bild, das man von Piraten hat . Die Herkunft aus Estland und Lettland weniger ... (Foto:  vesti.ru)
Moskau. Die in Moskau eingetroffenen Seeleute der „Arctic Sea“ werden von den Behörden isoliert. Die Täter bezeichneten sich als Umweltschützer – stammen aber offenbar aus dem estnischen Verbrecher-Milieu.

Moskau lässt die Hintergründe der rätselhaften Schiffsentführung in der Ostsee nur tröpfchenweise ans Licht kommen: Außer kurzen Fernsehinterviews eines Staats-Senders mit zwei Seeleuten und einem Piraten wurde bisher kaum etwas an die Öffentlichkeit gegeben. Die Tätergruppe wurde offenbar in Estland aus einschlägig vorbelasteten „finsteren Elementen“ rekrutiert.

Schiff und Crew unter Kontaktsperre


Keines der 15 Crewmitglieder habe sich bisher bei seiner Familie gemeldet, erklärte ein Vertreter der russischen Seemannsgewerkschaft. Auch der Schiffseigner, ein seit über zehn Jahren in Helsinki arbeitender russischer Reeder, habe bisher nichts über den technischen Zustand der „Arctic Sea“ und ihrem Bedarf an Treibstoff, Lebensmittel und anderen Ausrüstungsgüter in Erfahrung bringen können.

Das Schiff liegt mit einer Notbesatzung aus vier Mann vor den Kapverdischen Inseln. Diese Mini-Crew ist aber im Prinzip zu klein, um das Schiff wie von den Behörden angekündigt jetzt in den Hafen von Noworossijsk zu überführen. Elf Seeleute und die acht Piraterie-Verdächtigen wurden am Donnerstag nach Moskau geflogen.

„Die Tatverdächtigen und die Opfer des Verbrechens halten sich zur Durchführung der notwendigen Ermittlungsarbeiten im Moskauer Untersuchungsgefängnis Lefortowo auf“, erklärte heute ein Sprecher der Ermittlungsbehörde. Sie hätten inzwischen warme Kleidung erhalten. Darüber, ob Crew-Mitglieder auch als Mittäter verdächtigt werden, sagte er nichts.

Täter spielen "Greenpeace"


Die acht von der russischen Marine festgenommenen mutmaßlichen Piraten bezeichneten sich bei einem ersten Presse-Kontakt als „friedliche Ökologen“, die man „irrtümlich verhaftet“ habe. Der staatliche Fernsehsender „Rossija“ konnte als einziger während des gestrigen Überführungsfluges mit einem der gefesselten Männer sprechen. Er stellte sich als Andrej Lunew vor.

Seinen Worten zufolge hätte die Gruppe an Bord des Frachters Zuflucht vor einem Sturm gesucht. Nach dem Unwetter hätte sich der Kapitän jedoch geweigert, „uns Benzin zu geben und wir konnten nicht wegkommen“.

Auf die Frage, für welche Umweltorganisation sie tätig seien, antwortete der Mann mit „keine Ahnung, irgendein privates Büro“. Waffen hätten sie keine gehabt.

"Umweltschutzgruppe" besteht aus tätowierten Muskelmännern


Allerdings belege schon der Anblick zahlreicher einschlägiger Tätowierungen auf den entblößten Oberkörpern der durchweg kräftig gebauten Männer, dass diese aus kriminellen Kreisen kommen, so der Sender.

Die Seeleute berichteten, dass die Ostsee-Piraten die Brücke von zwei Seiten gestürmt hätten. Die Besatzung sei bei der Entführung recht brutal behandelt worden. Zur Bekräftigung zeigten sie während des Fluges Spuren von Plastikfesseln an Handgelenken und Knöcheln, „die auch nach vier Wochen noch nicht vergangen sind“.

Nach Darstellung der russischen Ermittlungsbehörden haben die acht Männer das Schiff am 24. Juli in der Ostsee von einem schnellen Schlauchboot aus mit Waffengewalt gekapert. Sie hätten dabei schwarze Westen mit der Aufschrift „Policia“ getragen. Ihre Waffen hätten sie über Bord geworfen, als das russische Kriegsschiff „Ladny“ die „Arctic Sea“ am 17. August bei den Kapverdischen Inseln stoppte. Angeblich hatte die Versicherung der „Arctic Sea“ eine Lösegeldforderung über 1,5 Mio. Dollar erhalten.

Sechs von acht Piraten in Estland zuhause


Die Botschaften Estlands und Lettlands wurden bis gestern nicht offiziell über die Festnahme von Bürgern ihrer Länder informiert. Nach Angaben des russischen Außenministeriums geschieht dies auch erst, wenn die Identität der Männer eindeutig geklärt ist. Bisher war von vier estnischen Staatsbürgern und je zwei Russen und Letten die Rede.

Die estnische Polizei teilte jedoch bereits mit, dass nur ein estnischer Staatsbürger unter den Festgenommenen sei. Drei weitere seien Staatenlose (also vermutlich ethnische Russen mit Wohnsitz in Estland), zwei weitere seien russische Staatsbürger. „Die meisten der Festgenommenen sind der estnischen Polizei als vorbestrafte Straftäter bekannt“, hieß es.

Zwei Täter sind eindeutig lettische Staatsbürger, erklärte heute dazu die russische Staatsanwaltschaft. Bei den Verhören würden je nach Bedarf Dolmetscher hinzugezogen.

Nato lieferte Russland über Tage die Koordinaten des Schiffes


Die Beendigung der Geiselnahme sei in enger Kooperation mit der Nato erfolgt, so Russlands Vertreter in Brüssel, Dmitri Rogosin. Vom 12. August an habe Russland regelmäßig Positionsangaben eines Schiffs-Ortungssystems der Allianz bekommen. Dies habe erlaubt, das russische Kriegsschiff „genau ans Ziel zu führen und die Aktion zur Geiselbefreiung durchzuführen“.