Mittwoch, 19.08.2009

Arctic Sea: Schiffs-Entführer wollten Lösegeld

Auch zwei Tage nach dem Ende  der Schiffsentführung schießen die Gerüchte ins Kraut  (Foto: sovfracht.ru)
Moskau. Von Russland wird die Schiffsentführung in der Ostsee als reiner Kriminalfall dargestellt. Experten und ausländische Medien halten jedoch weiter eine Geheimdienst- oder Schmuggel-Operation für wahrscheinlich.
Gestern erklärte der Vizepräsident der russischen Versicherungsgesellschaft „Renaissance Strachowanije“, die das Schiff für 4 Mio. Dollar versichert hatte, dass bei ihr am 3. August eine Lösegeldforderung über 1,5 Mio. Dollar eingegangen sei. Die Entführer der „Arctic Sea“ drohten, das Schiff zu versenken und die 15-köpfige russische Besatzung zu töten. Die Firma habe daraufhin den Inlandsgeheimdienst FSB alarmiert.

Piraten warfen zuletzt ihre Waffen über Bord


Auch das russische Verteidigungsministerium unterfütterte heute diese Version mit neuen Argumenten. Die Besatzung des auf Höhe der Kapverdischen Inseln von einem russischen Kriegsschiff aufgebrachten Frachters habe bestätigt, dass die acht Piraten Lösegeldforderungen stellten. Ihre Waffen hätten sie über Bord geworfen, als das Kriegsschiff den Frachter zum Stoppen aufforderte.

An Bord des Frachters sei aber noch jenes Schlauchboot gefunden worden, mit dem die achtköpfige Piratengruppe die „Artic Sea“ am 24. Juli in der Ostsee kaperte.

Experten bezweifeln die Piraten-Version


Der russische Seefahrts-Journalist Michail Woitenko, der den Fall von Anfang an sehr intensiv verfolgte und im Internet kommentierte, hält nach einem Gesprächskontakt mit Crew-Mitgliedern jedoch eine Verwicklung „ernsthafter Kräfte“ in den Fall für wahrscheinlich. Der Ablauf der Ereignisse spreche gegen einen rein kriminellen oder mafiösen Hintergrund, sagte er der Zeitung "The Guardian".

Die britische „Daily Mail“ vertritt die Version, an Bord der „Arctic Sea“ hätte sich eine von russischen Geheimdiensten organsierte illegale Lieferung von Atomanlagen befinden können. Da man jedoch befürchtete, der Transport könnte von westlichen Staaten aufgedeckt werden, habe man zur Vertuschung den „Piratenüberfall“ organisiert.

Auch die französische Zeitung „Le Monde“ geht von einer staatlichen Verwicklung in den Fall aus. Darauf lasse schon allein der enorme Aufwand schließen, mit dem die russische Marine die Suchaktion nach dem verschwundenen Schiff betrieb, sagte er der britischen Zeitung „The Guardian“.

Nach Informationen der estnischen Zeitung Postimees soll es sich bei den vier der acht Kidnappern, die estnische Staatsbürger seien, nicht um gebürtige Esten handeln. Aller Wahrscheinlichkeit nach sind es also ethnische Russen.