Montag, 31.08.2009

Armut in Russland steigt durch Krise stark an

In Russland regt sich Protest, wie hier in der Kleinstadt Pikaljowo gegen den sozialen Abschwung (Foto: TV)
Moskau. Das Heer der Armen in Russland wächst überraschend schnell. Nach Angaben der Statistikbehörde Rosstat ist die Zahl derjenigen, die unterhalb der Armutsgrenze leben, um 32 Prozent auf 24,5 Millionen gestiegen.
Armut in Russland schien ein Phänomen der Vergangenheit. In den 90er Jahren gab es kein Geld für Rentner; Bilder von Straßenkindern und trinkenden Russen gingen um die Welt. Doch der steigende Ölpreis und politische Stabilität brachten auch einen gewissen Wohlstand nach Russland.

Steigender Ölpreis – steigender Lebensstandard


Russen konnten sich Reisen ins Ausland erlauben, sie legten Ersparnisse an und verfielen geradezu in einen Konsumrausch. Der russische Markt war der am schnellsten wachsende Markt für Autos, Immobilien und Luxusgüter in Europa.

Doch die Krise hat Russland stärker getroffen als erwartet. Im ersten Quartal 2009 hat die Zahl der Armen um 32 Prozent zugenommen. 24,5 Millionen Menschen leben nach Angaben von Rosstat unterhalb der Armutsgrenze. Betroffen sind vor allem kinderreiche Familien.

Inflation frisst Rentenerhöhungen auf


Die Armutsgrenze liegt nach Berechnungen der Statistikbehörde derzeit bei 5.083 Rubel (113 Euro). Ungeachtet der sozialen Ausrichtung des Budgets und der Erhöhung von Renten, den Bezügen staatlicher Beamter und Soldaten ist die Zahl der Armen gewachsen.

Schuld daran sind unter anderem die Inflation und die Rubelabwertung, die das Geld schneller vernichten als die Bezüge steigen. Zum anderen drückt die Arbeitslosigkeit deutlich auf das Einkommen der Russen.

Hohe Arbeitslosigkeit drückt Löhne


Im April waren immerhin über sieben Millionen Russen ohne Job. Zwar ist die Anzahl der Arbeitslosen im Sommer leicht zurückgegangen – gegenwärtig sind es geschätzt 6,5 Millionen Menschen – aber die Arbeitgeber haben die Lage längst erkannt und zu ihren Gunsten genutzt.

Vielerorts werden Jobs mit einem Gehalt unterhalb der Armutsgrenze angeboten. Einschränkend muss hinzugefügt werden, dass eine Reihe von Arbeitsplätzen als so genannte Billiglohnjobs vor der Steuer deklariert werden, die Angestellten bekommen einen (statistisch natürlich nicht erfassten) Teil der Bezüge bar auf die Hand. Doch die schwarzen Kassen schaden im Endeffekt auch den Arbeitnehmern, da die Bezüge später nicht auf die Rente angerechnet werden.

Die Gewerkschaften schlagen inzwischen Alarm. Ihren Prognosen nach wird die Armut bis Jahresende noch zunehmen, da inzwischen ein Fünftel der Stellenausschreibungen mit Löhnen unterhalb der Armutsgrenze deklariert sind.

Familien als Opfer der Armut


„Mann und Frau, die in der Leichtindustrie, in der Nahrungsmittelindustrie oder in der Landwirtschaft arbeiten und zwei minderjährige Kinder – so sieht die typische arme Familie aus. Die Armut hat sich in erster Linie unter diesen Menschen ausgebreitet“, erklärt Jewgeni Gontmacher, Direktor des Zentrums für Sozialpolitik.

Das Kindergeld in Russland ist trotz großer Versprechen nicht besonders hoch. Für das erste Kind gibt es rund 40 Euro, für alle weiteren etwas über 80 Euro. Das von Wladimir Putin ins Leben gerufene Muttergeld kommt nur einer verschwindend kleinen Gruppe zugute.