Sonntag, 14.09.2008

Boeing 737 stürzt auf die Transsib-Trasse: 88 Tote

Die Boeing wurde beim Aufprall völlig zerfetzt (Foto: MTschS/Rian.ru)
Dramatisches Flugzeugunglück im Ural: Eine brennende Boeing-737 stürzte in der Nacht auf Sonntag am Stadtrand von Perm auf die Gleise der Transsibirischen Eisenbahn. Alle 88 Insassen der Maschine kamen ums Leben.
Die russische Millionenstadt Perm ist bei der Flugzeugkatastrophe um Haaresbreite einem noch größeren Unglück entgangen: Die Boeing zerschellte nur wenige Dutzend Meter von einigen Wohnblöcken entfernt auf den hier durch einen Gelände-Einschnitt führenden zweispurigen Bahngleisen der transsibirischen Eisenbahn. Doch weder Züge noch Häuser kamen zu Schaden. Der rege Verkehr auf der Strecke nach Jekaterinburg wurde nach dem Absturz gestoppt und wird vorerst über eine andere Route umgeleitet.

Ob dies schlichtweg Glück im Unglück oder das letzte Verdienst der Cockpit-Crew war, muss die Auswertung der Flugschreiber ergeben. Sie wurden gefunden und sollen nun in Moskau ausgewertet werden.

Dort hatte auf dem Flughafen Scheremetjewo gegen 1 Uhr Nachts auch der Aeroflot-Flug begonnen. Durchgeführt wurde er mit einer Boeing-737-500 der „Aeroflot-Nord“, der Archangelsker Tochtergesellschaft der größten russischen Airline. Er sollte in etwa drei Stunden Flugzeit nach Perm führen. In Russland sind derartige nächtliche Inlandsflüge durchaus üblich.

Zahlreiche Ausländer an Bord - und Tschetschenien-General Troschew


An Bord befanden sich nach den letzten Angaben 81 Passagiere – vorrangig Russen, aber auch einige Aserbaidschaner und Ukrainer. Je ein Passagier soll aus der Türkei, Italien, Frankreich, Deutschland, Lettland, der Schweiz und den USA gekommen sein.
Im Flugzeug saß auch General Gennadi Troschew, der über Jahre den russischen Militäreinsatz in und um Tschetschenien kommandiert hatte. Fünf Passagiere, darunter zwei Kinder, hatten den Flug verpasst – was ihnen das Leben rettete. Sie waren von Aeroflot zum Bahnhof geschickt und in einen Zug gesetzt worden.

Feuer an Bord: Die 737-Crew schaffte es nicht mehr bis zum Permer Flughafen (Foto: MTschS/Rian.ru)

Feuer an Bord - und "Absturz wie ein Komet"


Die ersten zwei Stunden des Fluges verliefen offenbar normal. Angeblich hat die Besatzung dann dem Tower nicht näher beschriebene Probleme gemeldet und eine Notlandung angekündigt. Etwa 30 Minuten vor dem Crash sei dann um 3.10 Uhr Moskauer Zeit in 1800 Meter Höhe der Funkkontakt abgerissen, so ein Permer Behördensprecher. Angeblich befand sich die Maschine schon im zweiten Anflug auf den Flughafen, nachdem der erste abgebrochen worden war. Die Unglücksstelle ist etwa zwölf Kilometer vom Flughafen entfernt.

Zahlreiche Zeugen bestätigten, dass die Boeing bereits in der Luft gebrannt und sich teilweise zerlegt hätte. Eine Frau sagte, sie hätte vor dem heftigen Aufprall „einen Feuerschweif wie ein Komet“ hinter sich hergezogen. Eine Aeroflot-Sprecherin sagte, dass es nach vorläufigen Informationen einen Ausfall respektive einen Brand in einem der beiden Triebwerke gegeben habe.

Obwohl derartige Jets auch mit einer Turbine flugfähig sind, hatte das Feuer offenbar bereits die Maschine unbeherrschbar gemacht – oder die Besatzung verlor in der Notsituation die Kontrolle und die Orientierung. Dazu könnte auch der in diesem Moment herrschende heftige Regen beigetragen haben. Die Untersuchungskommission verfolgt im Moment etwa zehn in Frage kommende Versionen - auch die eines Terroraktes.

Unglücksmaschine erst vor kurzem aus China übernommen


Die Boeing war 16 Jahre alt und hatte die meiste Zeit in den Diensten chinesischer Airlines gestanden. Aeroflot-Nord hatte sie erst Ende Juli im Leasing übernommen. Wie in solchen Fällen fast üblich, erklärte die Fluggesellschaft hinterher, dass die Maschine regelmäßig gewartet und in bestem technischen Zustand gewesen war.

Allerdings kündigte Aeroflot-Chef Valeri Okulow an, in Zukunft auf die Nutzung der Aeroflot-Nord-Maschinen auf dem eigenen Liniennetz zu verzichten. Die Reputation von Aeroflot habe mit dem Unglück einen sehr hohen Schaden erlitten, erklärte er.

Die russische Zivilluftfahrt war zuletzt für zwei Jahre von schweren Unglücken mit großen Verkehrsmaschinen verschont geblieben.

Doch nur 20 Tage vor dem aktuellen Unglück war in Kirgisistan ebenfalls eine Boeing 737 abgestürzt. Diese Maschine war schon 29 Jahre alt und gehörte einer iranischen Gesellschaft, der Absturz kostete 68 Menschen das Leben.