Bergungsarbeiten an der Absturzstelle (foto: newsru.com)
Mittwoch, 25.08.2004
Bomben an Bord? Rätsel um doppelten Tupolew-Crash
St. Petersburg. Eine solch seltsame Katastrophe hat die Luftfahrt noch nie erlebt: Innerhalb von drei Minuten, aber 600 Kilometer voneinander entfernt, stürzten zwei Verkehrsflugzeuge mit 90 Menschen an Bord ab. Beide Tupolews brachen im Reiseflug auseinander. Ein Terrorakt liegt als Ursache nahe, aber bislang gibt es dafür keine Beweise.
Vorerst wird wie nach jedem Flugzeugabsturz ermittelt: Die Suche gilt technischem Versagen, menschlichen Fehlern oder natürlichen Ursachen. Aber noch in der Nacht war von Präsident Wladimir Putin der für die Terroristenfahndung zuständige Inlandsgeheimdienst FSB mit dem Fall beauftragt worden. Denn die Crashs geschahen im Abstand von nur wenigen Minuten, fast wie am 9. September 2001, als zwei Boeings ins World Trade Center rasten.
An eine zufällige Verkettung von Unglücksursachen in gleich zwei Fällen mag deshalb in Russland niemand recht glauben – zumal sich blutige Bombenanschläge auf Nah- und Fernverkehrszüge, die Moskauer Metro und auf Bushaltestellen in den letzten Monaten und Jahren häuften.
Als Urheber der Attentate identifizierten die russischen Behörden in vielen, wenn auch nicht in allen Fällen den islamistischen Untergrund im Kaukasus und die mit ihm eng verflochteten tschetschenischen Seperatisten. Deren radikalster Teil ist schon lange vom Partisanenkampf zum nackten Terror übergegangen – und wird nicht müde, immer neue Anschläge gegen zivile Ziele in Russland anzukündigen.
Erst eine Bushaltestelle, dann zwei Jets
Nur wenige Stunden vor dem Doppel-Crash verletzte eine Bombe an einem Bus-Wartehäuschen in Moskau vier Menschen – just an jener Ausfallstraße, die zum modernsten der drei Moskauer Flughäfen in Domodedowo führt. Dort hatte man deshalb bereits die Sicherheitsmaßnahmen verschärft, als beide Maschinen – eine Tu-134 der Wolga Avia-Express und eine Tu-154 von Sibir – abgefertigt wurden und gegen 22 Uhr im Abstand von etwa 40 Minuten starteten.
An Bord der kleineren Tu-134 mit Ziel Wolgograd befanden sich 44 Menschen. Die Tu-154 mit Kurs auf den Badeort Sotschi – wo gegenwärtig auch Putin ausspannt – transportierte nur 38 Passagiere und 8 Besatzungsmitglieder. Im Prinzip hätte der Platz an Bord beider Flugzeuge auch für dreimal mehr Menschen gereicht. Überlebt hat die Abstürze niemand. Bis auf eine Ukrainerin und einen Israeli waren alle Opfer russische Staatsbürger.
In beiden Fällen verliefen die Nachtflüge normal – bis die Maschinen unvermittelt von den Radarschrimen der Fluglotsen verschwanden: die Tu-134 um 22:56 Uhr über dem Gebiet Tula, die Tu-154 um 22:59 Uhr Moskauer Zeit im Gebiet Rostow-am-Don. Seitens der größeren Tu-154 fing die Lufttraumkontrolle noch ein Notsignal auf. Nach ersten Berichten informierte es über eine Entführung an Bord. Später korrigierten die Behörden, es sei ein einfacher SOS-Ruf gewesen, ausgelöst durch den Druck eines Knopfes im Cockpit. Mehr zu tun war die Besatzung offenbar nicht mehr in der Lage, bevor die Maschine auseinander brach.
FSB: Bislang keine Hinweise auf Terrorakt
Nachdem sich Experten einen ersten Überblick an den Absturzstellen verschafft hatten, erklärte ein FSB-Sprecher, es gebe keine Hinweise auf einen Terrorakt – weder auf eine Entführung noch eine Bombenexplosion. Ermittelt würde wegen eines Verstoßes gegen die Luftfahrtregeln. So wird nun etwa der Treibstoff, der am Startflughafen Domodedowo in die Tupolews gefüllt wurde, genau untersucht.
Der Flugverkehr ging dort wie überall in Russland gemäß Flugplan weiter. Passagiere eines Fluges nach Kemerowo in Sibirien berichteten allerdings im Fernsehsender NTW, am Vorabend hätte unter dem Personal in Domodedowo geradezu Panik geherrscht. Auf dem Vorfeld sei eine größere Menge Kerosin ausgelaufen gewesen. Ihr Flug sei deshalb mit deutlicher Verspätung gestartet, so wie auch die beiden verunglückten Maschinen.
Was dafür die Ursache war und ob und wie diese Treibstoff-Lache etwa eine Flugstunde später zur fast zeitgleichen Zerstörung zweier Maschinen mitten im Flug geführt haben könnte, ist nun eine offene Frage an die Untersuchungsexperten.
Die Version eines Terroraktes steht aber auch offiziell noch im Raum: Schließlich braucht es, so der Sprengstoffexperte Adolf Mischujew, nur einen Sprengsatz von 400 bis 1.000 Gramm TNT, um ein Flugzeug in zehn Kilometer Höhe auseinanderzureißen: Den Rest besorgt die Luftdruckdifferenz zwischen Kabine und Athmosphäre und die hohe Fluggeschwindigkeit. Auch liegen die Trümmer in beiden Fällen über ein weites Gebiet verteilt. Eventuelle Spuren einer Detonation können also einfach noch nicht gefunden oder erkannt sein. Auch die Flugschreiber müssen noch ausgewertet werden. Alle vier Apparate wurden gefunden und nach Moskau geflogen.
(ld/rufo)
Leser-Kommentare zu diesem Artikel (und Kommentare zu Kommentaren): ↓
Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar, nachdem Sie sich hier unten für Kommentare neu registriert haben. Sie können hier oder im Forum (www.forum.aktuell.ru) mitdiskutieren.
Bisher gibt es zu diesem Artikel noch keine Leserkommentare