Von Susanne Brammerloh (St. Petersburg) Wie weit kann sich ein normal sterblicher Petersburger aus der Haustür wagen, ohne an Absperrungen zu geraten, ohne von grimmigen Milizionären in die Schranken gewiesen zu werden? Denn Bush und Putin sind in der Stadt unterwegs, und da gibt es kein Pardon, da gilt kein Heimvorteil mehr. Was erwartet den Petersburger Ureinwohner, wenn er im Stadtzentrum wohnt und die werten Gäste gerade seinen gewohnten Weg kreuzen?
Das war mir ein Experiment wert. Ich wohne zwar im ziemlich gottvergessenen und dementsprechend vernachlässigten und gammeligen Viertel mit dem historischen Namen Kolomna, in das sich freiwillig kein Ausländer verirrt. Aber um die Ecke ist das Mariinski-Theater, das die beiden Staatsgrößen nun just besuchen wollten, um in den Genuss des Balletts „Der Nussknacker“ zu kommen. Also habe ich mich auf den Weg gemacht und die „magische Touristengrenze“ namens Krjukow-Kanal aus in Richtung Osten überquert.
Schon Tage vorher gab es untrügliche Vorzeichen, dass da etwas im Busch ist: fieberhaftes Asphaltieren rund um das Theater herum, frisch geweißelte Fahrbahnmarkierungen (mit einer Halbwertszeit von nur wenigen Tagen) auf dem Lermontow-Prospekt vor der Synagoge (die der amerikanische Präsident ja auch besuchen wollte), und – sogar die zerbeulten Regenrinnen im ganzen Viertel wurden in etwas fünf Metern Länge vom Erdboden aus gestrichen. Da kamen bei dem mit Sowjeterfahrung bewehrten Leningrader/Petersburger ganz konkrete Erinnerungen und fast heimatliche Gefühle hoch: Genau so war das doch in den 70ern gewesen, wenn Breschnew sich zu Besuch in der Stadt an der Newa befand. Heute ist man allerdings dezenter, bescheidener geworden, oder aber es fehlt ganz schlicht und einfach das Geld, um, wie damals, auf der Marschroute der hohen Gäste alle Häuser bis zum ersten Stock mit frischer Farbe zu versehen. Schade eigentlich. Am Samstag nachmittag gegen halb fünf startete ich einen Probelauf und war erstaunt: Außer Miliz in neuen, blitzsauberen Uniformen und ein paar „unauffälligen“ Zivilisten war fast alles wie gehabt. Vor dem Theater steht ungerührt das berühmte stationäre Bierzelt von „Baltika“. Normalerweise umkreisen es die Kids auf Roller-Skates und mit Skateboards. Heute mußten sie sich jedoch einen anderen Platz suchen für ihre abendlichen Übungen. Im Zelt gab es heute Tischdecken und richtige Gläser (statt der sonst üblichen Plastikbecher). Aber dafür war es für den Publikumsverkehr geschlossen. Auf meine Frage, ob wohl Bush und Putin nach der Vorstellung hier ein kühles Bierchen zur Brust nehmen würden, erntete ich freundliche Mienen und Schulterzucken. Ohne Hindernis gelangte ich ins Theater an die Kasse. Ob es wohl noch Tickets gibt für die Abendvorstellung? Ja, die gibt es – allerdings zu Preisen zwischen 1800 und 4300 Rubeln (ca. 64 bis 153 Euro). Nicht von schlechten Eltern, das war mir Bushs und Putins Gesellschaft dann doch nicht wert. Anderthalb Stunden später war die idyllische Freiheit dann zu Ende. Nur mit Ticket oder Einladung oder Passierschein war der Zugang zum Theater offen. Der Theater-Platz war ringsum abgeriegelt, selbst die Leute, die in den anliegenden Häusern wohnen, mussten die (durchweg sehr höflichen!) Milizionäre erst einmal dazu überreden, sie durchzulassen. Es hatten sich ein paar Grüppchen Schaulustige angesammelt. Pro- oder antiamerikanische Gefühle waren nicht zu vernehmen – lediglich ein US-Fähnchen und ein russisches habe ich ausgemacht. Die Wagenkolonne tauchte erst um fünf vor sieben auf. Schon eine halbe Stunde vorher wurden die Milizionäre sichtlich nervös und versuchten, die Menschengruppen ein paar Meter weiter von der Fahrbahn wegzuwinken, zumeist ohne durchschlagenden Erfolg. Wer Tickets für die Abendvorstellung hatte und um halb sieben nicht im Theater war, hatte Pech – erst Putin und Bush, wurde ihnen gesagt, Geduld, Geduld! Die Vorstellung begann dementsprechend mit einer saftigen Verspätung. Die Stretchlimousine des amerikanischen Präsidenten mit der US- und der Präsidentenstandarte war bei weitem der beeindruckendste Wagen in der langen Kolonne. Die „Massen“ wurden letztendlich herb enttäuscht – die hohen Herren nahmen nicht den üblichen Eingang ins Theater, sondern bogen um die Ecke und betraten das Gebäude durch den Personaleingang hinterm Bierzelt. Also vergeblich gehofft, einen Blick auf die Ehepaare Putin und Bush zu erhaschen. Im benachbarten Nikolski-Garten jenseits der Absperrung lief inzwischen das normale Leben weiter. Viele der Schaulustigen erwiesen sich im Endeffekt als einfache Passanten, die wegen der Sperrungen genötigt waren, auf dem Platz zu verweilen. Einige wussten ganz offensichtlich nicht, was da überhaupt ablief und mussten von ihren aufgeklärteren Zeitgenossen erst einmal instruiert werden. Eine Frau nehmen mir konnte sich eine wenig schmeichlerische Bemerkung dann doch nicht verkneifen: „Was verstehen die denn vom Ballett, diese Amis? Die können doch sowieso nur Baseball spielen.“ Ich hoffe, Herr Bush hatte einen anregenden Abend.
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