Dienstag, 24.03.2015

Ermittler setzen Linguisten auf Nemzows Mörder an

Boris Nemzow wurde vor knapp einem Monat im Zentrum Moskaus erschossen (Foto: Archiv/.rufo)
Moskau. Neue Wendung im Mordfall Boris Nemzow. Die Polizei sucht nun verstärkt in E-Mails nach einem möglichen Motiv für die Erschießung. Die bislang als Hauptversion geltende islamistische Spur scheint erkaltet.
Eine Sprachanalyse soll den Fahndern bei der Suche nach den Mördern des russischen Oppositionspolitikers Boris Nemzow helfen. Das Ermittlungskomitee hat Linguisten mit der Untersuchung der E-Mails beauftragt, die Nemzow erhalten hat.

Herz- und Nierenprüfung für Mails


Die Tageszeitung „Kommersant“ berichtet unter Berufung auf Ermittlerkreise, dass die Polizei nach dem Studium des regen elektronischen Briefverkehrs Nemzows inzwischen eine Reihe verdächtiger Mails aussortiert hat. Direkte Drohungen seien nicht ergangen, doch einige Briefeschreiber hätten sich Nemzows politische Tätigkeit „zu sehr zu Herzen genommen“, wird ein Ermittler zitiert.

Die Sprachforscher sollen nun feststellen, ob die teilweise stark emotional gefärbten Texte der Opponenten Nemzows Andeutungen auf physische Gewalt enthalten. Der Anwalt der Nemzow-Familie Wadim Prochorow begrüßte die linguistische Analyse als notwendigen Teil eines „objektiven Ermittlungsverfahrens“.

Angriffe in der Vergangenheit


Er forderte zugleich, auch die verschiedenen Angriffe auf den Kremlkritiker in den vergangenen Jahren zu untersuchen. Unter anderem erinnerte er an direkte Morddrohungen, die Nemzow im Juli 2014 über Facebook erhalten hatte, denen sich die Behörden damals aber weigerten nachzugehen.

Tätlich angegriffen wurde Nemzow im Wahlkampf 2009, als er für das Amt des Bürgermeisters in der Olympiastadt Sotschi kandidierte. Nemzow verlor damals in einer schmutzigen Schlammschlacht deutlich gegen den vom Kreml unterstützten Kandidaten Anatoli Parchomow.

Keine Fundamentalisten


Mit der angeforderten Sprachanalyse legten die Behörden die zuvor propagierte Version eines islamistischen Hintergrunds quasi zu den Akten, resümiert der „Kommersant“. Nach der Festnahme von fünf Verdächtigen aus dem Kaukasus wurden gezielt Informationen gestreut, die Täter hätten Nemzow wegen islamfeindlicher Äußerungen nach dem Anschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo erschossen.

Direkt auf dieses Tatmotiv hatte so Tschetscheniens Oberhaupt Ramsan Kadyrow verwiesen, in dessen Leibgarde pikanterweise mehrere Verdächtige tätig waren. Die Verhafteten haben keinen fundamentalistischen Hintergrund und kämpften mitunter jahrelang gegen die islamistischen Separatisten im Kaukasus.

Lecks beim Geheimdienst


Inzwischen haben Informanten aus Ermittlungskomitee, Kreml und Geheimdienst verschiedenen Medien allerdings noch (mindestens) drei weitere mögliche Versionen gesteckt: Kremlnahe Medien berichteten von einer „Spur ins Ausland“. Demnach soll der Hauptverdächtige angeblich mit einem nun in der Ukraine kämpfenden Tschetschenen verbandelt sein, der schon mal ein Attentat auf Wladimir Putin geplant habe.

Dies wird von der Wirtschaftsnachrichtenagentur RBK dementiert, die unter Verweis auf ihre Quellen berichtet, der Auftraggeber sei Verwandter eines Kadyrow nahen Politikers gewesen, der für Tschetschenien als Senator im Föderationsrat sitzt. Über seine Festnahme sei wegen der politischen Komplikationen noch nicht entschieden worden.

Kreml- Informant spricht von FSB-Verstrickung


Die verwickeltetste These kommt aus dem Kreml: Demnach war der Geheimdienst FSB selbst in den Mord verwickelt. Ziel der Tat sei demnach gewesen, den in Russland Narrenfreiheit genießenden Kadyrow bei Putin anzuschwärzen, um ihn abzusetzen und dessen weit verbreitete Schutzgeldmafia in ihrem Treiben einzuschränken.

Die Verdächtigen hingegen bestreiten ihre Schuld, auch der zunächst geständige mutmaßliche Killer hat sein Geständnis widerrufen. Ihre Haftbeschwerde wird, wie am Dienstag bekannt wurde, am 1. April in Moskau verhandelt.