Mittwoch, 30.04.2008

Ermordete Zarenfamilie nun komplett identifiziert

Thornfolger Alexej und Zarewna Maria wurden seit 90 Jahren vermisst (Foto: novaja gazeta)
Jekaterinburg. US-Genetiker haben Überreste der beiden bislang fehlenden Zarenkinder Alexej und Maria identifiziert. Sie waren im Juli 2007 bei Jekaterinburg gefunden worden, wo die Zarenfamilie 1918 ermordet wurde.
„Jetzt haben wir die Familie komplett“, freute sich der Gouverneur des Gebiets Swerdlowsk, Eduard Rossel. Das wichtigste Genetik-Labor der USA hätte seine Untersuchungen beendet und eindeutig bestätigt, dass die gefundenen Überreste zusammenpassen, so Rossel. Laut Interfax waren die im Juli 2007 gefundenen Knochen und Zähne zunächst von russischen Experten und dann von DNK-Spezialisten des US-Militärs sowie der Universität von Massachusetts untersucht worden.

Obwohl es sich nur um sechs Zähne, ein Zahnfragment und 48 Knochensplitter handelt, von denen viele nicht einmal ein Gramm schwer sind, erlaubten sie den Medizinern schon vor der genetischen Untersuchung einige Rückschlüsse.

Das Alter passt- und die noblen Zahnfüllungen


So wurde alsbald geklärt, dass es sich um Überreste eines 12 bis 14 Jahre alten Jungen und einer etwa 18 Jahre alten jungen Frau handelt. Auch wiesen die Knochen zum Teil Schussspuren auf - und die Zähne Füllungen aus Silber-Amalgam, wie sie auch bei den 16 Jahren zuvor nahe Jekaterinburg gefundenen Gebeinen der Fall war.

Am 17. Juli 1918 machten die Sowjets mit der entmachteten Herrscherfamilie kurzen Prozess (Foto: archiv)
Die damals geborgenen Überreste von neun Toten wurden nach aufwändigen, aber bis heute noch immer angezweifelten internationalen Analysen als die im Juli 1918 von den Kommunisten erschossene Zarenfamilie und der mit ihnen umgekommenen Hausangestellten identifiziert.

Zwei Personen fehlten allerdings: Der immer kränkliche Thronfolger Zarewitsch Alexej und seine ältere Schwester Maria. Am 17. Juli 1998, 80 Jahre nach der Bluttat, wurden die Gebeine der Monarchenfamilie mit aller gebotenen Ehrfurcht in der Peter-und-Pauls-Kathedrale in St. Petersburg beigesetzt.

Die Kirche könnte nun an ihren Zweifeln zweifeln


Die russisch-orthodoxe Kirche wollte die Untersuchungsergebnisse aber nicht anerkennen. Bei der feierlichen Beisetzung in Beisein des damaligen Präsidenten Boris Jelzin waren deshalb nur einfache Priester beteiligt.

Als Beleg dafür, dass die Echtheit der Gebeine nicht garantiert ist, verweist man in Kirchenkreisen auch darauf, dass sich in den bald zehn Jahren seit der Bestattung dort kein Wunder ereignet hat – nicht einmal ein kleines. Am echten Grab des als Märtyrer inzwischen heilig gesprochenen Zars wäre dies aber zu erwarten.

Die jetzt wissenschaftlich bestätigte Echtheit der zwei fehlenden Toten könnte die Kirche nun zur Anerkennung der Identifikation der ganzen Familie bewegen – schließlich galt ihr das Fehlen der beiden Zarenkinder bisher als Grund zum Zweifeln.

An der Stelle am Rande Jekaterinburgs, wo die Zarenfamilie nach der Erschießung auf dem Gelände eines aufgegebenen Bergwerks mit Säure übergossen und verbrannt worden war, steht heute schon ein Kloster mit sieben Kirchen, dass sich als Wallfahrtsziel zunehmender Beliebtheit erfreut.

Ein Menetekel? Brand im Kloster auf dem Zarengrab


Möglicherweise wird es der wundergläubigen Orthodoxie aber noch zu denken geben, dass just am Tag von Rossels Bekanntgabe der Echtheit dort in Nebengebäuden ein großes Feuer ausbrach. Schaden an den Gotteshäusern entstand dabei aber nicht.

Viel ist es nicht, was von den beiden toten Kindern übrig blieb - aber genug zur Identifikation (Foto: tv/rufo)
Das Ergebnis aus den USA dürfte aber auch die seit Jahrzehnten umgehenden Geschichten angeblicher Thronerben, die das Massaker überlebt hätten, endgültig entkräften. Die Tatsache, dass bislang zwei Zarenkinder fehlten, hatte derartige Spekulationen nochmals angeheizt.

Jekaterinburger Historiker, Heimatforscher und Archäologen hatten den Ort des Begräbnisses von Alexej und Marija in detektivischer Geduldsarbeit ausgemacht. Basis war ein lange geheim gehaltener Bericht des Kommandeurs des Erschießungskommandos Jakow Jurowski.

Die geplante spurlose Beseitigung der Leichen nahm damals improvisierte Züge an, weil der Lastwagen mit den Toten auf einem feuchten Weg durch ein Sumpfgebiet stecken blieb. Neun Tote wurden in einer Grube neben der Straße mit Säure übergossen und angezündet, das Massengrab schließlich mit Schwellen abgedeckt.

Dass zwei Personen an anderer Stelle verscharrt wurden, war dabei ein Trick zum Spurenverwischen: Die Zahl der Toten sollte nicht mit der der Erschossenen zusammenpassen.

Das Spurenverwischen besorgte das Gegenteil


Während man bislang immer nur in der unmittelbaren Nähe nach einem weiteren Grab gesucht hatte, gingen die Forscher jetzt davon aus, dass sich das Beseitigungskommando in dem Sumpfgebiet mit den zwei Leichen nur entlang der Straße vorwärts oder zurück hatte bewegen können.

Anderthalb Kilometer entfernt wurden man dann auch fündig – dank der Brandspuren eines großen Lagerfeuers, dass die Männer damals über dem Grab entfacht hatten, um die Anzeichen eines Begräbnisses zweier zuvor verbrannter Leichen an dieser Stelle zu tilgen.

Somit ist jetzt nicht auszuschließen, dass es am 17. Juli in der Peter-Pauls-Festung erneut zu einem Zarenbegräbnis kommt: Die Familie von Nikolaus II. wäre dann am 90. Jahrestag ihres Todes wieder vereint.