St. Petersburg. Der Kaukasus kommt nicht zur Ruhe: Tschetschenienkrieg, Hochwasser, der Konflikt zwischen Georgien und Russland – und jetzt noch eine gewaltige Naturkatastrophe: In Nordossetien kollabierte ein Gletscher und verschüttete ein ganzes Tal. Etwa 150 Menschen werden vermisst, darunter Sergej Bodrow jun., einer der populärsten russischen Nachwuchs-Schauspieler. „Ich dachte, sie fangen an, Georgien zu bombardieren“, war der erste Gedanke von Sergej Safonow, als nach Einbruch der Dämmerung plötzlich ein enormes Grollen durch das Koban-Tal in den Kaukasusbergen bei Wladikawkas rollte. Schließlich hatte ganz Russland die Tage zuvor über eine eventuell bevorstehende Antiterror-Intervention im Nachbarland diskutiert.
Safonow gehört zum Filmteam des russischen Action-Helden und Jungregisseurs Sergej Bodrow junior. Dessen gut 50köpfiges Team hatte hier am Tag zuvor mit den Dreharbeiten zu einem neuen Film mit dem Arbeitstitel „Der Melder“ begonnen. Doch seit Freitagabend fehlt von der Filmcrew und dem jungenhaften russischen Kinostar jede Spur.
Es waren keine Bomben – und das Inferno kein Kinotrick: Ein Drittel des Kolka-Gletschers im Massiv des 5033 Meter hohen Kasbek war abgerutscht. Eine riesige Lawine aus Eis, Wasser, Geröll und mitgerissenen Bäumen schoss durch das Gebirgstal nach Norden. Auf einer Strecke von 30 Kilometern verschluckte sie alles auf ihrem Weg. Das Filmteam befand sich genau in der Mitte.
Sergej Safonow und ein weiterer Filmkollege hatten Glück: Sie standen im Moment des Gletschersturzes auf einer Anhöhe, wo die Kinoleute am Ende des Drehtages ihre Ausrüstung zwischengelagert hatten. Der Rest der Filmcrew war schon zu den Fahrzeugen abgestiegen. Zeugen hatten die Gruppe einige Minuten vor der Katastrophe an einer Kreuzung gesehen, die dann von den Geröllmassen überspült wurde. Nach Aussagen des russischen Katastrophenschutz-Ministers Sergej Schojgu werden 24 Leute aus dem Filmteam, 7 Mitglieder eines „Pferde-Theaters“ sowie 18 Begleitpersonen – Fahrer, Verkehrspolizisten, Sicherheitsleute – vermisst.
Sergej Bodrow jun./foto:ntvru.com
Im Laufe des Wochenendes schwand die Hoffnung, Bodrow jun. und seine Crew noch lebend wieder zu finden: Ein angeblicher Anruf Bodrows in der Rettungszentrale war offenbar ein schlechter Scherz. Suchhubschrauber patrouillierten über dem verwüsteten Tal, die Retter arbeiteten sich mit Suchhunden und Kettenfahrzeugen langsam vorwärts. Nachts seien einige Lagerfeuer zu sehen gewesen, was Hoffnung gibt, das noch Überlebende im Tal aushalten.
Nach unterschiedlichen Angaben wurden bis Sonntag fünf bis 17 Tote geborgen, zwei Verletzte befinden sich im Krankenhaus. Von Verwandten gingen bei den nordossetischen Behörden 94 Vermisstenmeldungen ein: Das Tal ist nur zehn Kilometer von der Republikhauptstadt Wladikawkas entfernt und ein beliebtes Naherholungsgebiet. Am Freitagabend dürften sich dort zahlreiche Menschen zum Wandern und Grillen befunden haben. Überfällig sind auch zwei Grenzsoldaten, die im Gebiet des auf 2500 Meter Höhe gelegenen Gletschers auf Streife waren. Gerettet wurden insgesamt 27 Menschen, darunter Gäste eines Ferienheims, die sich noch rechtzeitig hangaufwärts retten konnten.
Russland Präsident Wladimir Putin sprach am Samstag von einer „gewaltigen Katastrophe, wie es sie noch nie gegeben hat“. An manchen Stellen liege das Eis jetzt 70 bis 100 Meter hoch im Tal. Das Bergdorf Karmadon mit etwa 30 Einwohnern wurde von den feuchten Massen völlig begraben. Oberhalb der Geröllhalde sollen sich vier Seen gebildet haben. 500 Mann verschiedener Rettungsdienste sind im Einsatz, um nach Verschütteten zu suchen und eine provisorische Trasse durch das Tal zu bahnen.
Niemand sah das Unheil kommen
Aus Moskau flogen Wissenschaftler ein, die den übrig gebliebenen Teil des Kolka-Gletschers untersuchen sollen. Die bange Frage ist, ob die auf 10 bis 11 Millionen Kubikmeter geschätzten Eismassen auch noch abrutschen können. Besonderes Augenmerk gilt den Wetterprognosen: „Im Falle einer Erwärmung müssen wir die Leute aus der Gefahrenzone evakuieren“, so Minister Schojgu.
Die ossetischen Behörden behaupten, das Unglück sei nicht vorherzusehen und nicht zu verhindern gewesen. Es hätte keine Anzeichen einer Gefahr gegeben, erklärte Republik-Präsident Alexander Dsasochow. Allerdings wurde der bei Fachleuten als „pulsierend“ bekannte Gletscher auch seit über zehn Jahren nicht mehr beobachtet, kritisierte der Moskauer Glaziologe Andrej Glasowski. 1902, vor genau hundert Jahren, hatte es am Kolka-Gletscher eine ähnliche Katastrophe gegeben. 1969 wurde die Lage erneut sehr kritisch, ein Gletschersturz blieb aber aus. Eine Ärztin in Wladikawkas erinnert sich, dass in den 70er Jahren wegen der drohenden Gefahr ein Sanatorium im Tal geschlossen wurde. Jetzt wurde das inzwischen wieder eröffnete Ferienheim vom Eis zermalmt.
(ld/rUFO)
Leser-Kommentare zu diesem Artikel (und Kommentare zu Kommentaren): ↓
Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar, nachdem Sie sich hier unten für Kommentare neu registriert haben. Sie können hier oder im Forum (www.forum.aktuell.ru) mitdiskutieren.
Bisher gibt es zu diesem Artikel noch keine Leserkommentare