Freitag, 15.05.2015

Gorbatschow nennt eigene Anti-Alkoholkampagne Fehler

Michail Gorbatschow nennt seine Anti-Alkoholkampagne rückblickend einen Fehler (Foto: Djatschkow/.rufo)
Moskau. Späte Einsicht: Die Anti-Alkoholkampagne sei ein Fehler gewesen, räumt Ex-Präsident Michail Gorbatschow 30 Jahre nach ihrem Beginn ein. Unter Nachfolger Wladimir Putin steigt die Zahl der Schwarzbrenner derweil erneut.
„Sie sehen einen Menschen vor sich, der nie den Wunsch hatte, sich zu betrinken“, sagt Michail Gorbatschow über sich. Es mag ein Grund dafür sein, dass er seinen direkten Nachfolger Boris Jelzin um mittlerweile acht Jahre überlebt hat. Seinen Kampf gegen den grassierenden Alkoholismus in der Sowjetunion nennt aber auch der 84-Jährige inzwischen ein „Fiasko“.

Ohne Rücksicht auf Verluste

„Schrittweise und nicht mit der Axt auf den Kopf“ hätte man das Land ausnüchtern müssen, bekannte Gorbatschow der „Komsomolskaja Prawda“ im Interview. Die meisten Spirituosenläden wurden geschlossen, in anderen der Verkauf stark reglementiert, sogar Weinberge wurden großflächig abgeholzt.

Die Folge waren lange Schlangen vor den Geschäften und der Boom von Schwarzbrennereien, was nicht nur zu einem Minus in der Staatskasse und weiteren Defiziten in der sowjetischen Mangelwirtschaft – Zucker verschwand aus den Regalen – sondern auch zu vielen Alkoholvergiftungen durch selbstgebrannten Fusel führte.

Gesünder, aber unzufrieden


Der Gerechtigkeit halber muss erwähnt werden: Der Volksgesundheit war die Maßnahme zuträglich, schließlich verringerte sich die Sterblichkeitsrate um 1,4 Millionen. Gerade bei den Männern erhöhte sich die Lebenserwartung in dem Zeitraum um gut zweieinhalb Jahre.

Dankbar waren sie Gorbatschow dafür nicht. Von den Frauen habe er überall Zustimmung erfahren, von den Männern Ablehnung, erinnert sich der einstige Partei- und Staatschef. 1990 wurde die Kampagne schließlich aufgegeben.

Neue Anti-Alkoholkampagne


Kurios: Auch heute versucht die Regierung den Russen ihr Laster mit administrativen Maßnahmen auszutreiben. Seit 2006 wurden die Steuern auf Hochprozentigen angehoben, neue Etikettierungsregeln und ein Nachtverkaufsverbot für Alkohol eingeführt.

Im Zuge der jüngsten Wirtschaftskrise steigen nun wieder vermehrt Russen auf billigeren Selbstgebrannten um. Inzwischen habe illegaler Alkohol einen Marktanteil von bis zu 50 Prozent, warnen Experten. Auch der Erfolg der Anti-Alkoholkampagne ist zweifelhaft. Der Rückgang der Alkoholsterblichkeit hat jedenfalls laut Demografen einen anderen Grund: Jüngere Russen trinken lieber Bier als Wodka.