Freitag, 15.08.2014

Grenzübergang Donezk: Hilfskolonne steht – aber Panzerwagen rollen

Einer der russischen Schützenpanzer, der nach Ansicht britischer Journalisten später in die Ukraine vordrang (Foto: Walker/theguardian.com)
Moskau. Der russische Hilfskonvoi für Lugansk steht vor der Grenze still, aber ukrainische Grenzer und Rotkreuz-Vertreter sind für eine Abfertigung vor Ort. Für Aufregung sorgen Augenzeugenberichte über eine russische „Invasion“ mit Panzerwagen.
Im Gefolge des russischen Hilfskonvois aus etwa 280 Lastwagen sind zahlreiche Journalisten aus aller Welt zum russischen Grenzübergang Donezk gekommen. Was dann zwei britische Korrespondenten sahen, passte so gar nicht zum Bild einer im großen Stil angelaufenen Hilfsaktion: Sie beobachteten, wie eine Kolonne aus 23 gepanzerten russischen Mannschaftstransportern, die in Begleitung von Tankfahrzeugen von der Straße abbogen und durch ein Loch im Grenzzaun auf ukrainisches Gebiet vordrangen.

Ein Teil der Truppe sei am Zaun zurück geblieben, der Rest in der Dunkelheit verschwunden. Dies hätte zwar nicht gerade wie eine Militärinvasion ausgesehen, schrieb Shaun Walker vom „Guardian“. Es beweise aber doch, dass russische Truppen in dem von Separatisten beherrschten Teil der Ostukraine aktiv seien oder dorthin Waffen liefern würden.

Kiew: "Alltägliche Situation" - aber Interventen sind schon gestoppt


In Kiew reagierte man relativ ruhig auf diese Beobachtungen: "Solche Bewegungen auf ukrainischem Gebiet passieren praktisch jeden Tag, um die ukrainische Seite zu provozieren", erklärte am Freitag in Kiew Armeesprecher Alexej Dmitraschkiwski. Er bestätigte, dass „einige gepanzerte Fahrzeuge“ in der Nacht über die Grenze gekommen seien. Das Hinterland in diesem Grenzabschnitt steht unter Kontrolle der prorussischen Freischärler.

Die Nato und zahlreiche westliche Regierungen zeigten sich über den Vorgang alarmiert. „Sollte sich das bestätigen, wäre das ein weiterer Beweis dafür, dass Russland genau das Gegenteil von dem tut, was es sagt. Es lässt den Konflikt immer weiter eskalieren, obwohl die Regierung zur Deeskalation aufruft", so eine Nato-Sprecherin. Der litauische Außenminister Linas Linkevicius sagte, man habe Informationen, dass es sich um 70 Fahrzeuge gehandelt habe.

Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko erklärte später in einem Telefongespräch mit dem britischen Premier David Cameron, ein „wesentlicher Teil“ der nächtens eingedrungenen feindlichen Fahrzeuge sei durch Artilleriefeuer zerstört worden, teilte Poroschenkos Pressedienst mit.

Russland: Truppenbewegung nur auf eigenem Boden


Von russischer Seite wurde hingegen jedwedes Eindringen in die Ukraine entschieden dementiert. Die Journalisten hätten einen Einsatz einer mobilen Eingreiftruppe des russischen Grenzschutzes beobachtet, sagte ein Sprecher der Behörde. Sie würden aufgrund von Informationen über Gefechte oder Beschuss im Grenzgebiet ausrücken, um zu verhindern, dass „bewaffnete Personen auf das Gebiet der Russischen Föderation vordringen“. Dabei sei man ausnahmslos nur auf russischem Boden aktiv.

Nicht auszuschließen ist in der Tat, dass die ortsfremden Briten nur das Durchfahren einer vorgeschobenen Grenzabsperrung auf russischem Boden beobachteten. Der Verlauf der Demarkationslinie im Umfeld des kleinen russischen Grenzortes Donezk ist äußerst unübersichtlich.

Ukrainische Grenzer begutachten Hilfskonvoi auf russischem Boden


Zur Abfertigung des am Vortag etwa 20 Kilometer vor der Grenze angehaltenen Hilfskonvois aus Moskau kamen am Freitag auf Umwegen 41 ukrainische Grenzsoldaten und 18 Zöllner auf die russische Seite des Grenzübergangs – was für sich genommen bereits ein Zeichen für guten Willen auf beiden Seiten ist.

Allerdings stockte der Vorgang daraufhin gleich wieder: Das Rote Kreuz erklärte, es könne den Konvoi erst übernehmen, wenn die ukrainischen Behörden dessen humanitären Charakter bestätigt hätten.

Seitens des ukrainischen Sicherheitsrates verlautete jedoch, die ukrainischen Beamten könnten mit der Prüfung nicht beginnen, weil das Rote Kreuz als faktischer Importeur keine exakte Aufstellung der Hilfsgüter vorlegen könne. Russland wiederum beteuert, dass eigentlich alle Informationen ausgetauscht seien und grundsätzlich Einigkeit über die Vorgehensweise bestehe. Beobachter vor Ort gehen inzwischen davon aus, dass die Abfertigung angesichts dieser Probleme eine Woche oder länger dauern könnte.

Separatisten in Lugansk von der Grenze abgeschnitten


Unterdessen ist die Lage um die belagerte Großstadt Lugansk noch komplizierter geworden: Nach Angaben aus Kiew kontrollieren ukrainische Einheiten inzwischen einen Abschnitt der einzigen Straße, über die der Konvoi von der Grenze in die notleidende Stadt in der Hand der Separatisten gelangen kann.

Er müsste also noch zweimal die Frontlinien des verbissenen geführten Krieges durchqueren.