Dienstag, 20.01.2015

Grosny: Hunderttausende für Mohammeds Ehre mobilisiert

Eine Million Demonstranten waren versammelt - sagen die tschetschenischen Behörden (Foto: vesti.ru)
Grosny. Eine riesige Menschenmenge hat gegen die Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen protestiert – obwohl kaum ein russisches Medium dies wagt. Eine geplante Großdemo in Moskau zum gleichen Thema wurde hingegen verboten.
In der russischen Kaukasus-Republik Tschetschenien ist die Verteidigung der Ehre des Propheten Chefsache: Republik-Chef Ramsan Kadyrow hatte sich schon kurz nach dem Pariser Attentat auf „Charlie Hebdo“ mit heftigen Angriffen auf alle, die auch nur über die Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen nachdenken, hervorgetan.

Nun hat er auch sein – weitgehend islamisches - Volk mobilisiert: Am Montag kam vor dem riesigen Moschee-Neubau in der Stadtmitte Grosnys eine unübersehbare Menschenmenge zusammen. Die russische Polizei sprach von 800.000 Teilnehmern, die Behörden in Tschetschenien sogar von mehr als einer Million.

Die bis heute vom Kampf gegen den radikalislamischen Terror-Untergrund geprägte Republik hat nur 1,35 Mio. Einwohner, Grosny selbst 240.000. Anlässlich der Groß-Demo war der Montag in Tschetschenien zum arbeitsfreien Tag erklärt worden. Es seien auch Teilnehmer aus den Nachbarregionen angereist, hieß es.

Kadyrow: Moslems lieben Russland - und umgekehrt


Ramsan Kadyrowverband bei seiner Rede vor der Menge den Islam mit dem russischen Patriotismus: Die Moslems seien „verlässliche Beschützer Russlands“ und würden sich „jedem Feind des Vaterlands würdig entgegenstellen“. Gläubige Moslems fänden in Russland ideale Bedingungen vor, um ihren Glauben zu praktizieren. Man sei für eine gegenseitige Achtung der Kulturen und Religionen, sagte Kadyrow, doch werde man „niemanden unbestraft erlauben, unseren Propheten zu beleidigen“.

Kadyrow kritisierte die französische Führung dafür, unter Beteiligung ausländischer Staatsoberhäupter eine „Straßen-Show zur Unterstützung der Zügellosigkeit“ veranstaltet zu haben, anstatt „diejenigen, die geschossen haben und diejenigen, die mit ihren Karikaturen dafür Anlass gaben“, zu verurteilen. Bei der Kundgebung trat auch der russisch-orthodoxe Bischof von Machatschkala auf. Auch die christliche Geistlichkeit sage „Nein zum Bösen, das der Westen verbreitet, um Zwietracht zwischen unseren Religionen zu säen“, so Bischof Warlaam.

Privat-Dschihad gegen Chodorkowski


Der faktisch diktatorisch über Tschetschenien herrschende Kadyrow hatte unmittelbar nach dem Massaker in der Redaktion der Pariser Satirezeitschrift den Ex-Oligarchen Michail Chodorkowski zu seinem persönlichen Feind erklärt. Er müsse trotz seines Exils in der Schweiz „hart bestraft“ werden. Chodorkowski hatte alle Medien aufgefordert, Mohammed-Karikaturen von Charlie Hebdo nachzudrucken. Er wolle wohl, dass alle Journalisten die „Erfahrung des Pariser Verlags teilen“, erregte sich Kadyrow - womit er das Massaker an den Satirikern indirekt rechtfertigte.

Auch die Redaktion des liberalen Radiosenders Echo Moskwy traf der Bannstrahl des Tschetschenenführers, der sich nun als Hüter strenger muslimischer Werte zu profilieren versucht – und damit zugleich mit dem von ihm gnadenlos bekämpften radikalislamischen Untergrund ideologisch wie verbal konkurriert. Dabei hatte der Sender auf seiner Webseite lediglich eine Leserumfrage mit der Frage gestartet, ob es richtig sei, Mohammed-Karikaturen zu veröffentlichen oder nicht. Wenn der Staat nicht der anti-islamischen Propaganda des Senders Einhalt gebiete, fänden sich andere, die das tun, drohte der Regionalmachthaber vielsagend.

Kreml toleriert keine Mohammed-Karikaturen


Der Kreml toleriert Kadyrows Feldzug für die Propheten-Ehre bislang ohne Kommentar. Von dessen Gewalt-Androhungen einmal angesehen, deckt er sich auch mit der offiziellen Linie: Religiöse Gefühle jeglicher Couleur gelten in Russland als sakrosankt, Übergriffe dagegen werden streng verfolgt – wie schon der Fall der Punk-Band Pussy Riot zeigte.

So warnte die Medienaufsichts-Behörde Roskomnadsor alle russischen Journalisten: Die Veröffentlichung von Karikaturen über „religiöse Heiligtümer“ verstoße nicht nur gegen die „über Jahrhunderte herausgebildeten moralisch-ethnischen Normen des Zusammenlebens verschiedener Völker und Religionen auf einem Gebiet“, sondern könne auch als verbotene Aufstachelung nationaler und religiöser Konflikte strafrechtliche Folgen haben. Einige wenige Medien, die dennoch Charlie-Hebdo-Werke reproduzierten, wurden per Telefon schnell auf Linie gebracht.

Eine für Donnerstag geplante weitere Großdemonstration gefühlsgekränkter Moslems wollen die Behörden hingegen nicht zulassen: Denn sie sollte mit angepeilten 100.000 Teilnehmern mitten in Moskau stattfinden.

Die Verwaltung der Hauptstadt empfand dies ebenfalls als Provokation – und erteilte keine Genehmigung.