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Mittwoch, 12.11.2003

Herbstball - Lenin sah trotzig zu

Von Ines Lasch und Christoph Speier, Berlin. Der zweite Herbstball der Russischen Botschaft in Berlin am 7. November lockte mehr als 1.000 Gäste in den Prachtbau Unter den Linden. Ein Höhepunkt des Abends war der Start des ersten bundesweiten russischsprachigen Radiosenders „Russkij Berlin“.

Die Botschaft der Russischen Föderation und die Delegation der Deutschen Wirtschaft in der Russischen Föderation luden gemeinsam zu dem Tanzvergnügen ein, nachdem der letzte Herbstball bei den Besuchern sehr gut angekommen war. Im vergangenen Jahr war der Ball anlässlich des 50jährigen Jubiläums der Botschaft organisiert worden: Genau am 7. November 1952 hatte es erstmals einen diplomatischen Empfang im Botschaftsgebäude gegeben.

„Worte und Macher“

Sowohl die Vorsitzende des Verbandes der deutschen Wirtschaft in Russland, Andrea von Knoop, als auch der russische Botschafter Sergej Krylow, betonten, dass die russisch-deutschen Beziehungen nicht besser sein könnten. Dennoch schränkte Krylow frei nach Bundeskanzler Schröder ein, es gebe gerade in der Wirtschaft „noch zuviel Leute mit Worten und zu wenig Macher“.

Unter den Machern hob der Botschafter aber eindeutig Andrea von Knoop hervor. Für ihre langjährigen Verdienste um die deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen wurde sie per Präsidentenerlass Erlass mit dem Orden der Völkerfreundschaft ausgezeichnet.

Medien und Prominenz

Die Wochenzeitung „Russkij Berlin“ setzte die Reihe der guten Nachrichten fort. Geschäftsführer Dmitri Nadj drückte gemeinsam mit Andrea von Knoop den symbolischen Startknopf für den ersten bundesweiten russischsprachigen Radiosender „Russkij Berlin“ – zu hören auf 97,2 FM.

Wo die Fernsehkamera des Privatsenders FAB (Fernsehen aus Berlin) war, waren garantiert prominente Gesichter nicht weit: Ex-Verteidigungsminister Rudolf Scharping und seine Begleiterin Gräfin von Borggreve schritten die breiten Treppen hinab und genossen es, bemerkt zu werden. Filmproduzent Artur Brauner verkürzte sich mit zwei lebhaften sehr jungen Damen die Wartezeit vor dem Zapfhahn.

Schauspieler Winfried Glatzeder klemmte kurzerhand einen Lautsprecher über seinem Kopf auf der Balustrade ab, als es ihm am darunter befindlichen Stehtisch für eine Unterhaltung zu laut wurde und er sich beim Essen offensichtlich gestört fühlte. Sänger und Schauspieler Frank Zander vertiefte sich zur Musik des Zigeunerensembles im Foyer des Spiegelsaals in Gespräche.

Mehr als vierzig russische Topmodels flanierten geschmeidig in klassisch-eleganten Dandy-Anzügen des Modedesigners Patrick Hellmann durch das Haus und zogen uneingeschränkt bewundernde Blicke auf sich.

Im Ballsaal ging derweil die Post ab. Umsonst waren allerdings alle Sorgen um Walzerschritte und die geeigneten Schuhe. Diesem Herbstball fehlte jede Förmlichkeit auf dem Tanzparkett. Es ging locker und ungezwungen zu wie in einer Diskothek. Dafür sorgten Wladimir Sculer & Band sowie die Chez Alex Band. Kurz nach der Mitternachtsshow lösten Pump, Duck und Circumstances mit Gesang, Artistik und Performance die Tanzmusiker ab.

Lenin im Vorgarten

Die Botschaft war in den Jahren 1949 – 1951 im sowjetischen Empire-Stil erbaut worden. Boden, Säulen und Fensterbretter sind aus poliertem Marmor gefertigt, riesengroße Spiegel im Foyer von Goldzier umrahmt. Dicke lange Vorhänge vermitteln den Eindruck, sie werden von der eigenen Schwere zu Boden gedrückt. Lüster von der Größe eines Kometen hängen von den hohen Decken. Dieser wuchtige Organismus vermittelt noch heute eine Vorstellung von der „Supermacht“ Sowjetunion.

Auf der Hofterrasse am Ballsaal erinnert eine Gedenktafel an die Erbauer der Botschaft. Die hatten seinerzeit den Leninorden für diesen Macht- und Prachtbau erhalten. Ein Denkmal für den Gründer der Sowjetunion schmückte früher den Eingang der Botschaft. Inzwischen steht die übergroße Büste hinter dem Zelt des Catering-Services und den sorgfältig aufgereihten Mülltonnen im Garten versteckt. – Und starrte mit versteinerter Mine auf die Festgesellschaft.

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