Freitag, 12.08.2005

Heute vor fünf Jahren: Atom-U-Boot Kursk gesunken

Das Wrack der Kursk im Dock nach der Hebung (foto: newsru)
St. Petersburg. Es war die erste Krise der Ära Putin Ц und ein Drama, das die Welt in Atem hielt: Vor fünf Jahren sank in der Barentssee nach einer Explosion das russische Atom-U-Boot „Kursk“ mit 118 Mann an Bord.
Mit Trauerfeiern und Kranzniederlegungen an den Gräbern der umgekommenen 118 U-Boot-Fahrer begeht die russische Marine heute den fünften Jahrestag der „Kursk“-Katastrophe. Heute um 11.32 Uhr Moskauer Zeit hält die russische Nordmeerflotte eine Schwiegeminute ab.

In diesem Moment vor fünf Jahren explodierte während eines großen Flottenmanövers nördlich von Murmansk erst ein Übungstorpedo an Bord des modernen Atom-U-Bootes Ц und kurz darauf das ganze vordere Rumpfsegment, in dem weitere Torpedos gelagert waren. Das U-Boot wurde faktisch von einem Moment auf den anderen vernichtet. Lediglich im Heck überlebte zunächst eine Gruppe von etwa 20 Seeleuten Ц doch die internationale Hilfsaktion, in der neun Tage später ein Notausstieg von norwegischen Tauchern geöffnet werden konnte, kam für sie viel zu spät.

Atomare Verseuchung befürchtet

Kaum weniger als die Frage, ob an Bord des Havaristen noch Überlebende sind, bewegte die Menschen damals die Frage, ob wegen des Unglücks eine radioaktive Verseuchung des Nordmeers droht. Doch in diesem Punkt sollten sich die Beteuerungen der russischen Flotte bewahrheiten: Der Reaktor des U-Bootes wurde in einer Notabschaltung heruntergefahren, das anfangs befürchtete „Tschernobyl im Meer“ fand nicht statt.

Die Informationspolitik der russischen Flotte während der Kursk-Tragödie brachte nicht nur die Menschen in Russland auf: Das Unglück wurde überhaupt erst mit einem Tag Verspätung bekannt. Zunächst erklärte die Marine, das U-Boot hätte sich wegen technischer Probleme „auf Grund gelegt“, es bestünde sogar Kontakt mit der Mannschaft. Weiter vergingen Tage, in denen die russische Marine versuchte, mit ihren Rettungs-U-Booten (Tauchboote des Typs, wie das dieser Tage vor Kamtschatka festsitzende AS-28 „Pris“) am Notausstieg der in 108 Meter Tiefe liegenden „Kursk“ anzudocken Ц vergeblich: Die vollmundigen Ankündigungen, es werde alles Notwendige zur Rettung eventueller Überlebender getan, entpuppte sich als frommer Wunsch, wenn nicht gar als glatte Lüge.

Putin nahm das Drama anfangs locker

Auch Wladimir Putin, damals frisch gewählter Präsident, verlor während der Kursk-Katastrophe einiges an Renomee: Während das Land den Atem anhielt, hielt er es für nicht nötig, seinen Urlaub zu unterbrechen. Auch eine Ansprache des Staatsoberhauptes zu dem Drama ließ lange auf sich warten. Zusammen verstärkte dies den Eindruck, dass dem Staats- und Machtapparat das Schicksal der eingeschlossenen Seeleute wie auch ihrer Angehörigen relativ gleichgültig ist.

Als Unglücksursache wurde schließlich nach der ein Jahr später erfolgten Hebung des Wracks die Explosion eines schadhaften Torpedos festgestellt. In der Konsequenz der Untersuchungen verlor etwa ein Dutzend Offiziere ihre Posten. Versionen über andere Auslöser des Untergangs kursierten vor allem zu Beginn des Dramas: Seitens der Flotte wurde lange die rufschonende Idee kultiviert, der Zusammenstoß mit einem NATO-U-Boot oder wenigstens einer alten Weltkriegsmine habe die Kursk ins Verhängnis gerissen. Daneben hielt sich aber auch lange die Version, das U-Boot sei durch eine fehlgeleitete russische Rakete versehentlich von den eigenen Streitkräften versenkt worden.

Dass die russische Flotte aus der Kursk-Katastrophe so manche Lehre gezogen hat, bewies dieser Tage die Havarie des kleinen Marine-Tauchbootes vor Kamtschatka: Der Hilferuf an die „befreundeten Flotten“ aus Großbritannien, den USA und Japan erfolgte diesmal zwar auch nicht prompt, aber immerhin noch rechtzeitig, um die siebenköopfige Crew zu retten. Auch entstand nicht der Eindruck von Geheimniskrämerei, obwohl das U-Boot sich in einer Lauschantenne der Kategorie „top secret“ verfangen hatte.

Aber die Havarie der „Pris“ bewies zugleich, dass die russische Flotte auch fünf Jahre nach der „Kursk“ technisch nicht in der Lage war, selbst mit geeignetem Rettungsgerät schnell zur Stelle zu sein, wenn ihre eigenen Leute unter Wasser in Not geraten. Das nach dem Drama vor fünf Jahren beschlossene Beschaffungsprogramm blieb nämlich wieder in den Ansätzen stecken.
(ld/rufo)